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Evaluation des Chemiepraktikums für Mediziner: Stellungnahme des Praktikumsleiters

Wintersemester 2001/02

An dieser Stelle möchte ich (B. Kirste) als Praktikumsleiter kurz auf die am "Chemiepraktikum für Mediziner" geäußerte Kritik antworten.

Zum Wert des Praktikums bzw. des Fachs "Chemie" für die Ausbildung von Medizinern
Wenn ich das recht sehe, ist die Mehrheit der Studierenden der Humanmedizin durchaus der Meinung, daß das Fach Chemie bzw. das Chemiepraktikum eine wichtige Grundlage für das weitere Studium ist, insbesondere für die Biochemie, aber auch für die Allgemeinbildung. ("Für Leute, die mehr in die Forschung gehen wollen, sehr wichtig; sonst relativ wichtig".) Das sehe ich auch so; ich erwarte auch nicht, daß das Nebenfach (!) Chemie nun gerade das Lieblingsfach eines typischen Medizinstudenten sein müßte. ("Chemie ist nicht von primärem Interesse, aber ich denke, ein fundiertes Hintergrundwissen ist unbedingt nötig.")

Auf der anderen Seite habe ich durchaus Verständnis dafür, wenn sich angehende Grundschullehrerinnen (Bio-Lehramt) überfordert fühlen. Hier geht es eigentlich "nur" um den Aspekt der Allgemeinbildung. Für die Prüfungsordnung im Lehramt Biologie bin ich allerdings nicht verantwortlich, und ein gesondertes Praktikum für diesen Personenkreis können wir nicht bieten.

Zum Problem der schulischen Vorbildung
Es liegt in der Natur der Sache, daß wir eine gewisse naturwissenschaftliche Grundbildung voraussetzen. Nach meiner persönlichen (!) Meinung sollte man in unserem wissenschaftlich-technischen Zeitalter auch niemandem ein Reifezeugnis (!) ausstellen, der darüber nicht verfügt. Ein leider verbreiteter Mangel an naturwissenschaftlicher Grundbildung ist nach meiner (!) Meinung auch für viele gesellschaftliche Mißstände verantwortlich.

"Möglichkeiten um Grundkenntnisse zu erwerben für Studenten, deren Chemieausbildung (Schule bzw. Abitur) sehr lange zurück liegt, fehlen leider." - Ja, diesem Personenkreis kann ich nur empfehlen, das Versäumte in Eigeninitiative nachzuholen; beispielsweise wird (gegen Bezahlung) von verschiedener Seite Nachhilfe angeboten.

Praktikum oder Theoretikum?
Zum (angeblichen) Nutzen der Experimente wurden stark divergierende Ansichten geäußert. ("Experimente sind meiner Meinung nach langweilig und bringen mir für meine Chemiekenntnisse nichts.") In einigen Gruppen wurde auch viel weniger experimentiert, als es in der Intention der Praktikumsleitung liegt. ("Das Praktikum ist eher ein Theoretikum mit praktischen Einlagen, wenn man den Zeitaufwand Theorie-Praxis betrachtet.")

Hierzu möchte ich folgendes zu bedenken geben. Die Chemie ist eine Naturwissenschaft und keine "Naturphilosophie". Ohne die Durchführung "objektivierter" Naturbeobachtungen oder sinngerechter Experimente ist eine Naturwissenschaft nicht denkbar, und speziell die Chemie (auch die Biochemie!) kommt ohne Experimente nicht aus, da man hier mit bloßer Naturbeobachtung nicht weit kommt. Auch der Arztberuf ist m.E. nicht nur "rein theoretischer" Natur. Ich persönlich finde die reine "Kreidechemie" auch nicht so besonders spannend. ("Die Frage, warum, sei hier mal außer acht gelassen ... Viel gelernt habe ich glaube ich nicht, allerdings hat es dafür mehr Spaß gemacht als z.B. stumpfes Auswendiglernen.")

Vorkauen lassen oder Eigeninitiative entfalten?
"Wenig Wert, da hauptsächlich Eigenarbeit geleistet wurde ..." - Na ja, ich würde das etwas anders sehen. Die Bereitschaft, Eigeninitiative zu entfalten und sich den Stoff auch selbst z.B. mit Hilfe von Lehrbüchern zu erarbeiten, sollte einem guten (!) Studenten wohl anstehen. Die Rolle des Tutors/der Tutorin sollte dann vornehmlich darin bestehen, bei der Überwindung noch vorhandener Verständnisschwierigkeiten zu helfen.

Zur Ausstattung des Praktikums
"Die Experimente scheiterten oft an fehlenden Geräten und überalterten Chemikalien, was verwirrt und kaum motiviert"; "es haben immer Reagenzgläser, Pipetten usw. gefehlt". Diese - berechtigte - Kritik finde ich schon ärgerlich. Es gehört zu den Aufgaben der Tutor(inn)en, für eine ausreichende apparative Ausstattung zu sorgen und frische (!) Reagenzlösungen zu bereiten. Lediglich Maßlösungen und einige wenige weitere Lösungen werden zentral bereitgestellt, ansonsten sind die "Heinzelmännchen" leider ausgestorben!

"Besonders unmöglich finde ich es, daß am 6. Praktikumstag nur ein einziger (!) Baukasten zur Verfügung stand." - Nun ja, da haben wir ein Problem. Molekülbaukästen sind leider recht teuer, und der Etat des Chemiepraktikums ist (angesichts der hohen Praktikantenzahl) nur klein.

Zum Medizinbezug der Experimente
"Höhere Orientierung an fach- und praxisbezogenen Problemen (eher für Mediziner, nicht so allgemein)"; "praktischer, bzw. auf Medizin bezogen"; "chemische/biologische auf den Beruf bezogene Experimente." - Dieser Wunsch ist verständlich, und ich will darüber nachdenken. Allerdings besteht eine wesentliche Aufgabe des Chemiepraktikums zunächst einmal darin, die Fundamente insbesondere für die (praxisbezogenere!) Biochemie zu legen. Ich erwarte nicht im Ernst, daß ein Arzt später in seiner Berufspraxis z.B. titrieren muß, aber die Kenntnis von Titrationskurven ist nun einmal grundlegend für das Verständnis von Säuren und Basen. (Einen Hausbau muß man auch mit dem Fundament beginnen und nicht mit dem Innenausbau des Penthauses.)

Zur Gruppengröße
"Etwas kleinere Gruppen"; "die Gruppen müssen kleiner werden, damit alle mindestens die Hälfte aller Experimente machen können." - Tja, sicher, da besteht leider eine (wachsende!) Diskrepanz zwischen dem Wünschenswerten und dem Machbaren. Mir steht in Relation zur Zahl der Studierenden leider nur noch viel zu wenig Personal zur Verfügung, insbesondere bezüglich der "Wissenschaftlichen Mitarbeiter" (WiMiQ bzw. Doktoranden: Abnahme von 18 im SS 2000 auf voraussichtlich nur noch 3 im SS 2002). Für wünschenswert würde ich Gruppengrößen von 10 bis 12 halten (wie es früher einmal war). Im SS 2002 wird die Gruppengröße voraussichtlich auf 20 (!) steigen, wobei allerdings das eigentliche (verkürzte!) Praktikum in zwei Untergruppen von jeweils 10 durchgeführt werden soll.

Zu Zeitaufwand und Umfang
"Zu viel Aufwand! Fragenkatalog + Kolloquium sind zu viel. Fragenkatalog uneffektiv, da er meist nur abgeschrieben wird (wegen Zeitnot); besser: Kolloquium als Gespräch untereinander..." Das stumpfsinnige Abschreiben einer Vorlage für den Fragenkatalog finde ich sinnlos, wir sind hier auch nicht in einer mittelalterlichen Klosterschule, in der Texte handschriftlich kopiert werden. Meiner Meinung nach reicht es aus, Stichpunkte schriftlich festzuhalten. Es hat ja auch niemand Zeit oder Lust, sich das ganze Geschreibsel x-mal durchzulesen. Allerdings sollten Sie sich in der Tat, z.B. mit Hilfe eines Lehrbuchs, inhaltlich auf die im Fragenkatalog aufgeführten Themen vorbereiten!

Klausurvorbereitung statt Praktikumstag?
"Experimente kürzen, statt dessen mehr theoretische Vorbereitung für die Klausur, z.B. Altklausuren besprechen." - Nun ja, die Klausur ist "eigentlich" als ein Druckmittel dafür gedacht, auch "weniger motivierte" Student(inn)en dazu zu bewegen, sich wenigstens ein Minimum an Chemiekenntnissen anzueignen. Die Vorstellung, daß das Chemiepraktikum hauptsächlich "zur Vorbereitung auf die MC-Klausur" dienen sollte, stellt m.E. die Dinge auf den Kopf. Ich bin mir aber der Tatsache bewußt, daß ein Teil der "real existierenden" Student(inn)en das anders sieht. Ein gewisses Einüben in die MC-Fragen finde ich auch durchaus sinnvoll, und ich will darüber nachdenken.

Praktikum nicht samstags
"Samstag ist Tierquälerei." - Na ja, es gibt durchaus Berufsgruppen, die zu Samstagsarbeit gezwungen sind, u.a. auch Ärzte oder Zahnärzte im Wochenend-, Not- oder Bereitschaftsdienst. Richtig schön ist das natürlich nicht, und ich hätte am Wochenende auch Angenehmeres zu tun als die Leitung eines Chemiepraktikums für Mediziner. Konkret ist es so, daß wir durchaus auch Praktikumsgruppen am Mittwoch oder am Freitag haben. In der Tat könnten wir im Hinblick auf die verfügbaren Labore das Praktikum generell freitags statt samstags anbieten. Das würde aber voraussetzen, daß der Fachbereich Humanmedizin für die Erstsemester hier ein Zeitfenster freischaufeln müßte!

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www@chemie.fu-berlin.de Letzte Änderung: 2003-07-31