Umweltpolitik trotz Globalisierung

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Ernst Ulrich von Weizsäcker, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Donnerstag, 1997-12-18 18:15 - 20:00 Uhr

Die Globalisierung löst Ängste aus. Sie höhlt die Demokratie, den Sozialstaat und den Umweltschutz aus. Aber sie ist nicht rückgängig zu machen. Der Weg in den Protektionismus ist verbaut. Lösungsstichworte sind Umwelt-Außenpolitik, ein neuer technischer Fortschritt und eine freihandelskonforme ökologische Korrektur der fiskalischen Anreizstruktur. In der heutigen Umwelt-Außenpolitik geht es um die grenzüberschreitende Umweltverschmutzung, um den Schutz internationaler Gewässer, um die Harmonisierung der umweltbedingten Wettbewerbsbedingungen, um den Schutz der biologischen Vielfalt und den Klimaschutz. Es setzt sich die Erkenntnis durch, daß die klassische Form nationaler Souveränität, die bereits durch vielfältige Wirtschaftsverflechtungen eingeschränkt ist, auch durch die Internationalität der Umweltprobleme ausgehöhlt wird. Über hundert internationale Umweltabkommen sind im Laufe der Jahre zustande gekommen.

Es ist absehbar, daß Souveränitätsverzichte zum zentralen Bestandteil von "Erdpolitik" werden. Ungeachtet aller Bekenntnisse zum Umweltschutz aber führen konkrete Entscheidungen in der Wirtschaft sowie in Kommunen, Ländern, Bund und EU dazu, daß im Mittel ein Mehr an Verbrauch der Umwelt und der natürlichen Ressourcen stattfindet.

Die Industrienationen brauchen einen neuen energiepolitischen Konsens, der die staatlichen Rahmenbedingungen so setzt, daß nicht ein immer mehr erweitertes Energieangebot, sondern Energieeffizienz und erneuerbare Energien gefördert werden. Die Industrienationen sollten sich auf eine Neuausrichtung des technischen Fortschritts einlassen und einigen. Die bislang fast alleinige Betonung der Erhöhung der Arbeitsproduktivität ist nicht mehr zeitgemäß in einer Zeit, wo 800 Millionen Menschen (weltweit) ohne Erwerbsarbeit sind und wo die eigentliche Knappheit in der Natur, in den natürlichen Ressourcen liegt. Die neue Richtung des Fortschritts muß die Erhöhung der Ressourcenproduktivität erreichen. Rein technisch ist es möglich, die Ressourcenproduktivität um einen Faktor vier zu erhöhen, längerfristig sogar um einen Faktor zehn.

Ein Land, welches den "Faktor vier" ansteuert, wird dadurch - trotz Globalisierung - seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und deutlich mehr Arbeitsplätze schaffen, als ein Land, welches auf dem "Robotik-Pfad" bleibt.

Ein neues Thema der Umweltpolitik im Zeichen der Globalisierung ist der "ökologische Subventionsabbau". Heutzutage werden jährlich über 700 Milliarden Dollar für Subventionen eingesetzt, welche der Umwelt schaden. Zählt man die Industrialisierungssubventionen hinzu, vergrößert sich diese Summe noch einmal dramatisch. Die Welthandelsorganisation WTO, die von Umweltschützern normalerweise nur als "Feind" wahrgenommen wird, könnte Sanktionen gegen Handelsverzerrungen aufgrund von umweltschädigenden Subventionen entwickeln und durchsetzen.

Auch eine ökologische Steuerreform kann so gestaltet werden, daß die Wettbewerbsfähigkeit zunimmt und nicht etwa leidet.

weitere Literatur

  1. E. U. v. Weizsäcker: Erdpolitik - Ökologische Realpolitik als Antwort auf die Globalisierung. Darmstadt, neubearb. Taschenbuch 1997.
  2. E. U. v. Weizsäcker, A. Lovins u. H. Lovins: Faktor vier: Doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch. München 1995, Taschenbuch 1997.
  3. E. U. v. Weizsäcker: Grenzen-los? Jedes System braucht Grenzen - aber wie durchlässig müssen diese sein? Basel/Berlin 1997.


Verantwortlich: Angelika Brinkmann.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1997-12-17