Eine umfassende Alternative zur militärischen Antiterrorismuspolitik der USA

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Fritz Vilmar, Politikwissenschaft, FU Berlin
Ort:
Kristallographie, Takustr. 6, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2002-10-23 18:15 - 20:00 Uhr

Dieser Vortrag gründet sich auf ein Memorandum, das im Herbst 2001 von Fritz Vilmar entworfen, von Prof. Dr. Klaus Riedel und anderen Vorstandsmitgliedern des AKF (Arbeitskreis für Friedenspolitik - Atomwaffenfreies Europa) überarbeitet und im April 2002 als Dossier Nr. 40 (Beilage zur Zeitschrift Wissenschaft und Frieden, W&F) veröffentlicht wurde. Eine vollständige Kopie dieses Memorandums wird zum Vortrag an alle Hörer verteilt.

Als Alternative zu der von der jetzigen US-Regierung beschlossenen Kriegspolitik entwickelt das Memorandum für eine nachhaltige Uberwindung des Terrors fünf miteinander zu verbindende Friedensstrategien:

  1. Vermeidung von Krieg als (vermeintliche) Antiterror-Strategie:
    Rückbesinnung auf das Grundpostulat der Friedensbewegung, dass Frieden, Recht und Gerechtigkeit prinzipiell nicht durch kriegerische Gewaltmaßnahmen erreicht werden können, wenn diese Maßnahmen selber (im Bewusstsein eigener Überlegenheit) die demokratischen Prinzipien von Gleichheit, Recht und Mitmenschlichkeit missachten. Solche Kriegsstrategien treiben nämlich die Eskalationsspirale der Terroraktionen nur weiter in die Höhe.

  2. Politischer und wirtschaftlicher Druck auf die israelische Regierung,
    ihre Politik permanenter Demütigung und Diskriminierung der Palästinenser zu beenden und die Palästinenser als gleichberechtigte Bürger zu achten. (Vgl. hierzu das Heft 4/2002 von W&F: "Israel - kein Friede in Sicht". Darin zeigt z.B. der Artikel von Andreas Linder S. 46-49, welche Zwangsmaßnahmen denjenigen israelischen Bürgern drohen, die die permanenten Gewaltmaßnahmen gegen die Palästinenser mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können.).

  3. Ermutigung der friedenswilligen Muslime,
    sich in öffentlichen Diskussionen von der Missdeutung des Korans zu distanzieren, wonach die terroristischen Selbstmordattentäter des 11. September 2001 als "Heilige Krieger" im Sinne Allahs gehandelt hätten. Das gelegentlich in unserer Gesellschaft beobachtbare Misstrauen gegen Muslime kann nur überwunden werden, wenn die aktiv-antiterroristische Haltung unserer muslimischen Landsleute von diesen bzw. ihren Sprechern unzweideutig zum Ausdruck gebracht wird.

  4. Wirtschaftsprogramme gegen soziale Ungerechtigkeit und Armut
    In den "Entwicklungsländern" haben sich in den letzten 50 Jahren zunehmend verarmte, nicht mehr dörflich integrierte Bevölkerungsmassen gebildet. Diese sind teilweise zur Beute fanatischer Mullahs geworden, die bei der Suche nach Schuldigen für die Misere den "Westen", insbesondere den "großen Satan" USA, identifiziert haben. Die Ärmsten dieser Armen haben nichts mehr zu verlieren und lassen sich daher (z.B. in Israel) zu verheerenden Selbstmordattentaten religiös aufputschen. Sie sind sowohl Opfer wie Mittäter in pseudo-islamischen oder gar Terrorregimen wie dem der afghanischen Taliban oder des irakischen Diktators. Aber auch kleine Minderheiten besser ausgebildeter Söhne dieser fanatisch antiwestlichen Armutswelt sind in den Händen eines Bin Laden und seiner Gefährten hochgefährliche Terroristen.

    Die Beseitigung sozialer Ungerechtigkeit ist eine notwendige Voraussetzung für eine Überwindung des globalen Terrors. Zwei konkrete Schwerpunktprogramme werden vorgeschlagen:

    1. ein supranationaler, europäisch-amerikanischer "Marshall-Plan" als ökonomisches Sofortprogramm für Palästina und
    2. eine gerechtere Verteilung der Ölgewinne zugunsten eines volkswirtschaftlichen Aufbaus in den Ländern von Marokko bis Pakistan. (Hierbei wäre allerdings zu bedenken, dass die Ölvorräte bestenfalls noch für eine begrenzte Übergangszeit bis zur vollständigen Umstellung der Weltwirtschaft auf regenerative Energien ausreichen.)

    Weitere Wege zum Ausgleich zwischen Armen und Reichen werden in den Vorträgen unserer Ringvorlesung zwischen dem 13.11. und dem 18.12.2002 diskutiert.

  5. Dem Terrorismus weniger Angriffsflächen bieten
    Man kann die Gefahr von Terrorakten nicht gänzlich aus der Welt schaffen. Man könnte aber durch technische Maßnahmen
    1. die Wahrscheinlichkeit für Terrorakte vermindern, z.B. durch das rechtzeitige Aufspüren von Terrornetzen sowie (in Flugzeugen) durch Installation abschließbarer Cockpits, Einbau elektronischer Anti-Kollisionssysteme und durch Mitflug ausgebildeter Sicherheitsbeamter.
    2. Das Ausmaß einer terroristischen Katastrophe könnte allgemein durch eine Strategie der Dezentralisierung vermindert werden. Ein Beispiel wäre der Ersatz riesiger Großkraftwerke (zumal Atomkraftwerke) durch regionale Kleinkraftwerke auf der Basis regenerativer Energien. (Näheres in den Vorträgen von Edmund Lengfelder und Hermann Scheer.)


Moderation: Rudolf-Andreas Palmer. V. i. S. d. P.: Roland Reich
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2002-10-21