Haben Fremdenfeindlichkeit und Rassismus einen evolutionsbiologischen Hintergrund?

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Bernhard Verbeek, Biologie, Ruhr-Universität Bochum
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1999-11-24 18:15 - 20:00 Uhr

Nur wenige Inhalte können die Emotionen der Massen derartig leicht und bis zur Selbstaufgabe erregen, wie Nationalismus, Rassen- und Glaubensfragen. Kaum ein Denkinhalt ist wie dieser in der Lage, selbst bislang hochkultivierte Menschen bis zur Bestialität entgleisen zu lassen. Die vermeintlichen Rechte der eigenen Gruppe werden ins Irrationale vergrößert, konkurrierende Rechte anderer überhaupt nicht als solche wahrgenommen, und das bei subjektiv edelsten Gefühlen. Unermeßliches Leid zu allen Zeiten und in aller Welt sowie Millionen von Toten allein in unserem Jahrhundert - und es werden immer mehr - sind die Folge.

Aufgrund dieser Beobachtungen drängt sich die Hypothese auf, daß allgemein dem Menschen ein auf Schlüsselreize "wartendes" Verhaltenspotential im oben genannten Sinne eigen ist. Wenn dies zutrifft, müßte beantwortet werden, wie es zustande kam. Es ist zu erwägen, inwieweit die vormenschliche, die prähistorische und schließlich auch noch die historische Geschichte Gruppenaggressivität evolutiv "honoriert" haben könnte. Wenn dies zu bejahen ist, müssen wir damit rechnen, daß ein entsprechendes, genetisch zugrundegelegtes Verhaltensprogramm als Potential auch heute in jedem Normalbürger schlummert. Zur Aktivierung bedürfte es "nur" der entsprechenden ontogenetischen (d.h. auch historischen) Umstände.

Es ist aufgrund derartiger Überlegungen zu befürchten, daß selbstschmeichlerische nationalistische, ethnozentrische oder religiöse ausgrenzende Parolen für das genetisch vorstrukturierte Gehirn eingängiger sind als objektivere und humanere Werte. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie prägungsartig, d.h. weitgehend therapieresistent aufgesogen werden.

Praktisch nutzbare Überlegungen zur Humanisierung menschlichen Zusammenlebens, die nicht ideologisch unbekümmert an der Realität vorbei in noch größere Probleme hineintherapieren, sollten von anthropologischen Gegebenheiten ausgehen und sich nicht von gekränktem Narzißmus leiten lassen.

In Anlehnung an Hegel gilt: "Der Mensch ist ein Tier; er ist es nicht mehr, wenn ihm das bewußt ist." - Leider ist es allzu vielen nicht bewußt.


Moderation: Wilhelm Quitzow. V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1999-10-30