Wie schlecht ist der Mensch?
Eine Kritik ökonomischer Menschen- und Weltbilder

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Michael Stitzel, Wirtschaftswissenschaft, FU Berlin
Ort:
Kristallographie, Takustr. 6, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2003-01-15 18:15 - 20:00 Uhr

Es geht um die Frage, ob Menschen im Rahmen ihres wirtschaftlichen Handelns bereit sind, die Interessen Dritter, die von ihren Entscheidungen betroffen sind, zu berücksichtigen, oder ob sie sich ausschließlich an der Mehrung ihres eigenen Vorteils orientieren - ob sie also, abstrakt formuliert, sich darauf einlassen, die individuelle Rationalität ihres Handelns durch kollektive Rationalität zu ergänzen, zu modifizieren oder auch einmal zu ersetzen. Das Attribut "schlecht" im Vortragsthema weist darauf hin, dass wirtschaftliche Akteure dominant eigennützig sind.

Wirtschaften als Versuch, die Knappheit an materiellen Gütern zu beseitigen, ist unabdingbare Existenzvoraussetzung menschlichen Lebens. Angesichts der heute dominierenden marktwirtschaftlichen Strukturen geht es zusätzlich um Einkommenserzielung, vielleicht sogar um Gewinnmaximierung, und zwar unter Wettbewerbsbedingungen, also um das Bestreben, die Konkurrenten zu übertrumpfen: Für Altruismus ist da kaum Platz.

Bezugspunkt der Analyse des Spannungsfeldes von Eigennutz und Altruismus werden die Vorstellungen der Wirtschaftswissenschaften vom wirtschaftlich handelnden Menschen sein: Welche Menschenbilder legt die Ökonomie als Basis für ihre Erklärung wirtschaftlicher Tatbestände zugrunde?

Beobachtbar sind drei wirtschaftswissenschaftlich geprägte Menschenbilder:

  1. der homo oeconomicus als klassisches Menschenmodell der Ökonomie: der eiskalte rationale Maximierer seines Individualnutzens,

  2. der Opportunist als Menschenbild neuerer ökonomischer Theorieansätze: derjenige, der als Trickser und Täuscher seine Ziele zu erreichen versucht,

  3. der complex man als Vorstellung sozialwissenschaftlich geprägter Wirtschaftswissenschaften vom ökonomisch Handelnden: derjenige, der selbst eine hochkomplexe Persönlichkeitsstruktur aufweist und sich, oft vergeblich, in der komplexen Wirtschaftswelt zurechtzufinden versucht.

Diese drei Menschenbilder werden untersucht bezüglich 1. ihrer Verhaltensprämissen, 2. ihrer Ethik im Antagonismus von individueller und kollektiver Rationalität und 3. ihrer empirischen Relevanz.

Das Ergebnis wird der Versuch sein, eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage zu geben, wie schlecht (vielleicht auch: wie gut) der wirtschaftlich handelnde Mensch ist.

Dieser Vortrag wurde veröffentlicht in dem von Holger Burckhart und Horst Gronke im Auftrag des Hans-Jonas-Zentrums zu Dietrich Böhlers 60. Geburtstag herausgegebenen Buch "Philosophieren aus dem Diskurs", 2002, S.471-483. Eine Kopie wird im Vortrag an die Hörer verteilt.


Moderation: Horst Gronke. V. i. S. d. P.: Roland Reich
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2003-01-15