Das Thema "Physiker im Dritten Reich" wird oft auf die Betrachtung des Kernenergie-Projekts verengt. Beachtung findet manchmal noch der spektakuläre (schon vor Ablauf der zwölf Jahre kläglich gescheiterte) Versuch, eine "deutsche" oder "arische" Physik zu etablieren.
Nur wenige Physiker waren von dem einen oder anderen dieser Projekte unmittelbar betroffen oder gar aktiv damit befaßt. Die Arbeit am Kernenergie-Projekt begann erst 1939, nach der Entdeckung der Kernspaltung.
Eine historische Analyse, die zu einem Urteil über das Verhalten von Physikern (oder gar "der" Physiker) in dieser Zeit gelangen will, kann nicht den großen zentralen Bereich ausklammern, in dem es - allen widrigen Umständen zum Trotz - Forschung und Lehre in überkommenen Formen und an fachimmanent bestimmten Themen gab. Bis in die letzten Jahre des Regimes hinein, wo Physiker mehr und mehr an (wirklich oder vorgeblich) kriegswichtigen Arbeiten beteiligt waren, blieb dieser die Tradition fortführende Bereich als roter Faden. Eine Fülle von Fachliteratur - Zeitschriften, Tagungsberichte, Monographien, Lehrbücher - legt davon Zeugnis ab.
Zeitgenössische Physiker sind darauf in der Nachkriegszeit nicht wenig stolz gewesen. In der Tat war "Resistenz" nötig, Abschirmung gehüteter Bereiche, Abwehr ideologisch bestimmter Einflüsse. Auch manche mutige Einzeltat ist verbürgt. Hervorzuheben ist die Weigerung, das Ansehen der rassisch verfemten Physiker anzutasten, auch wenn man die Vertreibung der betroffenen Kollegen nach 1933 nicht verhindern konnte.
Aber es muß auch gefragt werden, um welchen Preis der Anpassung dies möglich war. Man bewegte sich in einem Spannungsfeld, schloß Kompromisse. Und nichts kann die Verstrickung aufheben, die selbst bei einer auf Grundlagen orientierten Forschung darin lag, dem Regime mit einem "Kulturdienst" zu Ansehen und Selbstachtung verholfen zu haben. Dazu freilich gibt es Parallelen in anderen gesellschaftlichen Gruppen.