Die destruktiven Gesetzmäßigkeiten des Zinssystems und Wege zu seiner Überwindung

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Bernd Senf, Fachhochschule für Wirtschaft, Berlin
Ort:
Kristallographie, Takustr. 6, Hörsaal
Zeit:
(ausnahmsweise) Dienstag, 2002-11-19 18:15 - 21:00 Uhr

Inhaltsangabe von Roland Reich (vgl. Nachtrag am Ende)

Warum das Zinssystem mit seiner scheinbar so selbstverständlichen Verknüpfung von Geld und Zins in vieler Hinsicht problematisch ist, soll im folgenden nur kurz angedeutet werden. Aus der Sicht der Geldanleger erscheint der Zins ja als etwas sehr Positives: Er läßt automatisch das Geldvermögen immer weiter anwachsen, und wenn die jährlichen Zinsertrage nicht entnommen, sondern immer wieder dem vorhandenen Geldvermögen zugeschlagen und ebenfalls verzinst werden, ergibt sich durch den Zinseszins sogar ein beschleunigtes, ein "exponentielles" Wachstum (Abbildung 41): Geld wächst und wächst und wächst scheinbar ganz von selbst. Es handelt sich hierbei nicht einfach um Bestandserhaltung und auch nicht einfach nur um ein lineares Anwachsen, sondern um ein immer schneller werdendes Wachstum des Geldvermögens.

Entwicklung einer Geldanlage durch Zins und Zinseszins

[Abb. 41: Entwicklung einer Geldanlage durch Zins und Zinseszins. Aus dem Buch von Bernd Senf "Der Nebel um das Geld", Seite 86]

Aber woher kann dieses Wachstum kommen, was liegt ihm zugrunde? Die angelegten Gelder fließen über die Geschäftsbanken an die Kreditnehmer, werden also irgendwo anders zu Schulden, die mit Tilgung, Zinsen und Sicherung verbunden sind: bei Unternehmen, privaten Haushalten, dem Staat oder im Ausland. Die wachsenden Geldvermögen (GV) an einer Stelle entstehen also nur auf der Grundlage entsprechend wachsender Verschuldung (VS) an anderer Stelle des Gesamtsystems. Geldvermögen und Verschuldung entwickeln sich insofern spiegelbildlich, und also wächst auch die Verschuldung exponentiell (Abbildung). Die wachsenden Schulden müssen aber bedient werden und gehen (bei gegebenem Zinssatz) mit entsprechend wachsenden Zinslasten der Schuldner einher. Und die Schuldner müssen zur Aufbringung von Tilgung und Zinsen Überschüsse erzielen - durch wachsende Erlöse und/oder durch Senkung anderer Kosten. Bezogen auf die Unternehmen bedeutet das: Der Zins setzt ihre Produktion und ihren Absatz unter einen ständigen

Geldvermögen und Verschuldung

[Abbildung: Wachsende Geldvermögen (GV) gehen einher mit spiegelbildlich wachsender Verschuldung (VS) an anderer Stelle.]

Wachstumszwang. Auf Dauer und im Durchschnitt müßte das Unternehmenswachstum mit dem Wachstum der Zinslasten Schritt halten, wenn die Zinsen problemlos aufgebracht werden sollen. Das hieße aber auch: Die Wirtschaft müßte ständig und dauerhaft mindestens eine Wachstumsrate in Höhe des Kreditzinses am Kapitalmarkt hervor bringen.

Um zu veranschaulichen, welche ungeheure Dynamik der Zinseszins über längere Zeit entfaltet, soll das Guthaben berechnet werden, das aus einem Anfangskapital im Wert von 1 DM theoretisch entstehen würde, wenn dieses Kapital seit Christi Geburt bis zum Jahre 1950 mit einem konstanten Jahreszinssatz von 4 % verzinst würde - ohne zwischenzeitliche Inflation und Währungsreform, ohne Zinssteuer und Erbschaftssteuer, ohne Revolution und Enteignung, aber auch ohne Entnahme von Zinsertragen.

Wenn die Zinsen an jedem Jahresende regelmäßig dem Kapital zugeschlagen werden, dann erhöht sich dieses nach jedem Jahr um den Faktor 1,04. Indem man das Anfangskapital 1950 mal mit diesem Faktor multipliziert, erhält man mit der yx -Taste eines Taschenrechners in Sekundenschnelle für das Kapital am Ende des Jahres 1950 den Wert

K (t = 1950 a) = 1 DM * 1,041950 = 1,64 * 1033 DM.

Im Jahr 1950 war es im Prinzip noch möglich, sich ein Bankguthaben in Gold auszahlen zu lassen. Wieviel Gold wäre dafür in diesem Fall notwendig gewesen?

Als Goldpreis sei 18551 DM = 1 kg Gold zugrundegelegt (Frankfurter Börse vom 17.3.2000). Dividiert man die damit zu errechnende Goldmasse durch die Dichte von Gold (= 19,3 g/cm3), erhält man das Volumen dieser Goldmenge. Dividiert man dieses durch das Volumen der Erdkugel (das man aus dem Erdumfang 2 pi rErde = 40000 km errechnet: 1,08*1021 m3), so erhält man für das Kapital:

K (t = 1950 a) = 4240 Erdkugeln in Gold.

Bei diesem erstaunlichen mathematischen Ergebnis drängt sich einem naiv-gutgläubigen, aber zugleich nachdenklich-gewissenhaften Betrachter die Frage auf:

"Wie ist es möglich, dass sich allein durch das Liegenlassen auf der Bank ohne weitere Arbeit des Sparers aus dem geringen Anfangskapital von 1 DM so unermessliche Werte entwickeln?"

Dazu gibt es zahlreiche Antworten und Klarstellungen:

1. Dem positiven Guthaben des Sparers stehen in gleicher Gesamthöhe negative Guthaben (d.h. Schulden) der Kreditnehmer gegenüber, an die die Bank das Kapital weitergegeben hat. Die Gesamtsumme aller Kontostände ist also immer gleich null (genau genommen sogar negativ, um einen positiven Gewinn der Bank auf insgesamt null auszugleichen).

Wenn bei dieser Kapitalverschiebung überhaupt bleibende materielle oder geistige Werte geschaffen worden sind, dann sicher nicht von dem Sparer, der (abgesehen von dem geringen Anfangskapital) keine weitere Arbeit beigetragen hat. Man kann ihm daher keinen moralischen Anspruch auf das oben berechnete Geldkapital zubilligen, auch wenn die zur Zeit noch gültigen (revisionsbedürftigen!) Gesetze ihm einen rechtlichen Anspruch darauf zugestehen. Denn "Werte" können (wenn überhaupt) nur durch (geistige und körperliche) Arbeit geschaffen werden.

2. Dass das in der ganzen Welt vorhandene Gold bei weitem nicht für eine Auszahlung des oben errechneten Bankguthabens ausreichen würde, macht deutlich, dass das virtuelle Bankguthaben nicht mit tatsächlich vorhandenen Werten verwechselt werden darf!

Selbst wenn die ganze Erde nur aus Gold bestünde, gerade dann hätte dieses Gold überhaupt keinen "Wert": Es gäbe dann nämlich auf der Erde kein Leben und keine Menschen, die das Gold zu schätzen wüssten!

3. Wenn die theoretisch berechneten Schulden der durch die Bank bedienten Kreditnehmer so unbezahlbar und so offenkundig unrealistisch geworden wären wie in dem obigen Rechenbeispiel, dann könnte man nur noch darüber lachen: Man könnte dann gar nichts anderes tun, als die Zins-Schulden und damit zugleich die (moralisch sowieso unberechtigten) Zins-Guthaben der Sparer zu annullieren und (als vernünftige Konsequenz) das Zinssystem als "unrealistisch" abzuschaffen.

Aber zu dieser zwangsläufigen Einsicht konnte es bisher nie kommen, weil regelmäßig immer schon lange vor Erreichen dieses-paradoxen Zustandes die Voraussetzung der obigen Rechnung und damit zugleich der rechtliche Anspruch des Sparers zerstört worden ist. Diese Voraussetzung bestand nämlich darin, dass es 1950 Jahre lang keine Kriege und Bürgerkriege und daher auch keine Inflation und Währungsreform gegeben hätte. Die Zerstörung dieser Voraussetzung muss aber gerade als zwangsläufige Folge des destruktiven Zinssystems betrachtet werden (und das ist gar nicht zum Lachen sondern bitter ernst, für die Schuldner meist noch viel ernster als für die Sparer!):

4. Wie oben bereits gezeigt wurde, kann ein Zins nämlich von den Unternehmen nur so lange erwirtschaftet werden, wie die Wirtschaft laufend mindestens entsprechend dem Prozentsatz des geforderten Kreditzinses wächst.

In einer Welt begrenzter Ressourcen, Absatzmärkte und dinglicher Sicherungen ist ein exponentielles Wachstum von Produktion und Absatz aber grundsätzlich immer nur für eine kurze Übergangszeit jeweils nach einem Neuanfang näherungsweise möglich.

Mit zunehmender Sättigung des Marktes muss sich das anfängliche Wachstum des Sozialprodukts zwangsläufig abschwächen. Da der vereinbarte Zinssatz aber gesetzlich eingehalten werden muss und die Zinslasten daher mit zunehmender durchschnittlicher Verschuldung der Unternehmen immer weiter exponentiell ansteigen, fressen die Schulden zwangsläufig einen immer größeren Teil des Bruttosozialprodukts auf. Die Schuldner können die von ihnen aufgenommenen Kredite samt Zinsen daher nicht mehr zurückzahlen und gehen nach und nach größtenteils in Konkurs.

Die Folgen sind Arbeitslosigkeit, Verarmung der Arbeiter und der ehemaligen kleinen Unternehmer und Rückgang der Wirtschaftsproduktion. Die Entwicklung treibt also regelmäßig innerhalb einiger Jahrzehnte nach dem Neubeginn einer Währung in eine Wirtschaftskrise.

5. Im wirtschaftlichen Konkurrenzkampf können prinzipiell nur die jeweils effektivsten Betriebe überleben. Dadurch werden Rücksichtnahmen auf die Erhaltung der Umwelt und auf ethische Prinzipien zwangsläufig immer mehr zurückgedrängt. In dieser Konkurrenzsituation muss der Einzelne nicht unbedingt ein schlechter Mensch sein, um aus Selbsterhaltungstrieb - ungewollt - die Spirale der Gewalt zu unterstützen.

6. Schließlich entstehen mehr oder weniger gewaltsame Lösungen, durch die die angewachsenen Schulden und spiegelbildlich zugleich auch die unrealistischen Geldvermögen entwertet werden. Ein möglicher Verlauf besteht in einer Hyperinflation, andere mögliche Verläufe sind Revolution, Bürgerkrieg oder Krieg. Manchmal kommt auch alles zusammen.

Deutschland hat solche schrecklichen Phasen im 20. Jahrhundert zweimal durchgemacht: den Ersten Weltkrieg mit darauf folgender Hyperinflation 1923 und den Zweiten Weltkrieg mit nachfolgender Währungsreform.

Leider wurden die destruktiven Gesetzmäßigkeiten des Zinssystems von der Mehrheit der Bevölkerung und der verantwortlichen Politiker bisher nicht klar genug durchschaut, so dass nach dem "Währungsschnitt" und Neuanfang beide Male versäumt wurde, die Befreiung unseres Geldes vom Zinssystem demokratisch durchzusetzen.

Die Konsequenz aus all diesen Antworten lautet:

Unser gesetzlich anerkanntes Zinssystem ist nicht nur mit Ethik und Moral unvereinbar, sondern auch bereits mit einer rein mathematisch-naturwissenschaftlichen Betrachtungsweise:

Eine zeitlich unbegrenzte, exponentielle Zunahme materieller Werte, die durch das Zinssystem im Prinzip postuliert und vorausgesetzt wird, widerspricht nämlich der naturwissenschaftlich feststellbaren Wahrheit. Die zwangsläufige Folge der durch das Zinssystem entstehenden Widersprüche zwischen den postulierten Werten und der Wirklichkeit sind periodisch wiederkehrende gewaltsame Entladungen, durch die die schlimmsten sozialen Ungerechtigkeiten teilweise abgebaut werden, ohne jedoch die gesetzlichen Ursachen für deren Neuentstehung zu beseitigen.

Ein wirklich dauerhafter Frieden ist ohne Überwindnng des Zinssystems prinzipiell nicht erreichbar.

Für den zweiten Teil des Vortrags wurde in der Überschrift eine Diskussion über Wege zur Überwindung des Zinssystems versprochen.

Von einem Banker kann man in unserem System keinen freiwilligen Verzicht auf Zinsen erwarten, denn Zinsen sind ja seine Existenzgrundlage!

Da die politische Macht in der Welt heute in den Händen von Interessengruppen des Großkapitals liegt, die ein Eigeninteresse an der Erhaltung des Zinssystems haben zu müssen glauben, kann es sich bei gewaltlosen Wegen zur Überwindung des Zinssystems (abgesehen von theoretischer Überzeugungsarbeit) in der Praxis nur um zinslose Komplementärwährungen neben den zunächst weiterhin existierenden bisherigen Währungen handeln. Die Komplementärwährungen müssen mit den bisherigen, staatlichen Gesetzen auskommen und dürfen ihnen nicht widersprechen. Sie können daher nicht über eigene Geldscheine und Münzen verfügen, weil das dem gesetzlichen Monopol der staatlichen Notenbanken widersprechen würde.

Es handelt sich um sogenannte "Tauschringe", für die es in vielen Ländern schon Beispiele gibt.

Auf lokaler und nachbarschaftlicher Ebene gibt es allein im Raum von Berlin mehr als zwanzig Tauschringe, an denen sich besonders auch mittellose Bürger und Privatpersonen beteiligen können. Ein Faltblatt des Kreuzberger Tauschrings wurde zur Information bereits zum vorhergehenden Vortrag verteilt.

Als ein "Tauschring für Nationalstaaten" konnte die im vorigen Vortrag von Thomas Betz vorgestellte "International Clearing Union" von John Maynard Keynes angesehen werden.

Bevor ein solcher Weg zur Entschuldung der Dritten Welt Chancen für eine internationale demokratische Durchsetzung hat, sollten wir aber versuchen, auf mittlerer Ebene die Erprobung und Bewährung von Tauschringen für wirtschaftlich aktive Unternehmer zu demonstrieren.

Ein interessantes Beispiel in dieser Richtung ist die in diesem Jahr durch Initiative des Schweizer Unternehmers Hans-Jürgen KIaussner in Biel gestartete "Werte-Erhaltungs-Genossenschaft" (WEG), die in diesem Vortrag als ein möglicher erster Schritt für einen praktisch realisierbaren Weg zur Abschaffung des Zinssystems diskutiert werden soll.

Bereits im vorigen Wintersemester hatte Helmut Creutz in seinem Vortrag über wirtschaftliche Systemzwänge als Ursache von militärischer und terroristischer Gewalt die Diskussion unseres heutigen Themas eröffnet und gezeigt, dass die Absenkung des Zinssatzes auf null (proportional mit der auf lange Sicht ökologisch unverzichtbaren Absenkung des Wirtschaftswachstums auf null) eine notwendige Voraussetzung nicht nur für die Erhaltung sozialer Gerechtigkeit ist, sondern zugleich auch für die Erhaltung der Umwelt, der Demokratie und - langfristig - vor allem des Friedens. (Die im gegenwärtigen kapitalistischen System unaufhaltsame und sich beschleunigende Zerstörung all dieser Werte wird seit dem 11. September 2001 immer augenfälliger!) Darum kann es in unserer Ringvorlesung heute kein wichtigeres Thema geben als die Frage, wie man eine Abschaffung des Zinssystems praktisch realisieren könnte.

Helmut Creutz hat dabei auf das Problem hingewiesen, dass beim Absenken des Zinssatzes unter eine Grenze von etwa 3 % die Kapitalbesitzer ihr Geld immer weniger für Kredite zur Verfügung stellen, sondern zunehmend als Bargeld im Tresor speichern und dadurch eine deflationäre Wirtschaftsrezession auslösen. (Ein zusätzliches Problem dieses zurückgehaltenen Geldes ist seine Verwendung auf dem Spekulationsmarkt.)

Zur Lösung dieses Problems wird in der "Freigeldwirtschaftslehre" auf das von Silvio Gesell erdachte Prinzip der "rostenden Banknoten" als Umlaufsicherung des Geldes verwiesen. Dieses Prinzip wurde 1932 in der österreichischen Kleinstadt Wörgl realisiert durch eine Rückhaltegebühr von monatlich 1 % : Eine in der Gemeindeverwaltung zu kaufende Wertmarke musste jeden Monat auf jeden der zurückgehaltenen, regionalen zinslosen Geldscheine aufgeklebt werden, um dessen Wert wiederherzustellen.

Obwohl dieses "Freigeld-Experiment" für die regionale Wirtschaft im Raum von Wörgl damals ein großer Erfolg war (so dass über hundert weitere Gemeinden diesem Beispiel folgen wollten), wurde es vom Staat verboten, weil die österreichische Zentralbank sich auf ihr gesetzlich verankertes Monopol der Geldversorgung berief und in dem Prozess Recht bekam (Näheres in dem Buch von Bernd Senf "Der Nebel um das Geld", Seite 122 bis 125).

Die prinzipielle Hürde gegen eine Absenkung des Zinssatzes auf null beruht also auf dem Interesse am Zinsverdienst, das die größtenteils im Besitz weniger privater Aktionäre befindlichen Notenbanken und Geschäftsbanken haben, in Kombination mit der oben erwähnten gesetzlichen Verankerung des Monopols der Notenbanken für das Drucken von Geld mit dem Recht, dieses Papiergeld als Kredit gegen Zins und Zinseszins an die Geschäftsbanken und an den Staat zu verleihen. Und für den Fall, dass die Schulden nicht wie gefordert bedient werden, lassen sich die Notenbanken für jeden Kredit, d.h. für jede Geldschöpfung aus dem Nichts, dingliche Sicherungen in Form von Gold, Wertpapieren, Hypotheken auf Grundstücke oder Devisen geben, auf die sie im Ernstfall eines geplatzten Kredits zurückgreifen können.

Um diese Hürde zu umgehen, kam Klaussner auf die Idee, in der von ihm ins Leben gerufenen "Werte-Erhaltungs-Genossenschaft" anstelle von Notengeld ein zinsloses Leistungsverrechnungssystem einzuführen, gegen das die Notenbanken keine rechtliche Handhabe besitzen. Die Verrechnung in diesem "Tauschring" (WEG) geschieht ohne Beteiligung von Banken mit minimalem Kostenaufwand durch moderne Computertechnik und weltweite Vernetzung ganz ohne Geldscheine.

Für jedes WEG-Mitglied wird ein Konto geführt, in dem Pluspunkte für eingebrachte Leistungen und Minuspunkte für aus dem Tauschring bezogene Leistungen gegeneinander verrechnet werden. Die Bewertung einer Leistung wird jeweils zwischen Geber und Empfänger frei vereinbart. Ein "Punkt" entspricht etwa einem Euro, aber das Wort "Geld" wird (vielleicht aus juristischen Gründen) vermieden (statt dessen "Gelt" von "gelten").

Die "im Umlauf befindliche Geltmenge" ist in diesem System immer genau so groß wie nötig, nämlich gleich der Summe der Pluspunkte aller positiven Kontostände, die immer mit der Summe der Minuspunkte aller negativen Kontostände übereinstimmt. In diesem System kann jedes Mitglied im Rahmen seiner Arbeitsleistungsfähigkeit (d.h. seiner wahrscheinlichen Rückzahlungsfähigkeit) von einem anderen Mitglied einen zinslosen Kredit in Form von gelieferten Waren oder Dienstleistungen bekommen, und durch diesen Vorgang und dessen Verbuchung in der Zentrale wird die dafür erforderliche "Geltmenge" automatisch geschaffen.

Dadurch kann es in diesem System auch ohne Zinsen niemals zu einer Blockierung des Leistungsaustausches kommen, so dass die von Silvio Gesell erdachten "Rückhaltegebühren" gegen das Geldhorten überflüssig werden. (Diese Feststellung ist insofern politisch wichtig, weil solche Gebühren im Falle einer automatischen, also zwangsweisen Abbuchung als ungerecht empfunden würden und daher demokratisch schwer durchsetzbar wären. Die im Wörgler Freigeldmodell aufzuklebenden Wertmarken waren als "freiwillige Notabgabe für die Armenpflege" psychologisch eher akzeptabel.)

Es wäre aber auch sachlich unzutreffend, die Pluspunkte eines Mitgliedes als "gehortetes Bargeld" zu bezeichnen, das angeblich "dem Geldkreislauf entzogen wäre", denn tatsächlich handelt es sich ja im Gegenteil um einen der Gesellschaft zinslos zur Verfügung gestellten, noch nicht zurückgeforderten Kredit!

Der in der Freigeldwirtschaftslehre übliche Vergleich des "Geldkreislaufs" mit einem lebensnotwendigen "Blutkreislauf", der notfalls durch künstliche Eingriffe wie Rückhaltegebühren aufrecht erhalten werden müsste, wird also im WEG-Modell durch die "Entmaterialisierung" des Geldes ad absurdum geführt.

Wenn ein Besitzer von Pluspunkten momentan keinen Bedarf hat, dann sollte man ihn im Interesse der Ressourcenschonung heute auf keinen Fall durch Reklame oder durch "Umlaufsicherungen" dazu animieren, irgend welche überflüssigen Güter oder Dienstleistungen zu verbrauchen, nur um "die Wirtschaft anzukurbeln"!.

Bei zur Neige gehenden Ressourcen müssen wir uns nämlich von der Überflussgesellschaft zu einer nachhaltigen Bedarfsdeckung orientieren, und damit wird Sparsamkeit wieder zu einer erstrebenswerten Tugend! (Sparsamkeit darf natürlich nicht mit Geiz verwechselt werden: Spenden für soziale Zwecke sind natürlich positiv zu bewerten, weil sie dem Leben dienen. Aber echte Spenden dürfen nicht mit einem Zwang oder einem materiellen Eigeninteresse verbunden sein! - Übrigens braucht man sich in unserer heutigen deutschen Gesellschaft nicht über einen Mangel an echter Spendenbereitschaft oder menschlicher Hilfsbereitschaft zu beklagen.)

Diese kurzen Ausschnitte und Kommentare zu dem Konzept der WEG zeigen die Konsequenz, mit der Klaussner die entscheidenden Hürden umgeht, die einer praktischen Abschaffung des Zinssystems entgegenstehen. Dies könnte vielleicht ein realisierbarer Weg sein, auf dem wir Bürger zu einer Befreiung vom Zinssystem beitragen könnten. Von den in unserem korrupten System verstrickten Politikern und Bankern sind in dieser Richtung keinerlei Initiativen zu erwarten.

Wenn aber durch Tauschringe wie die WEG Alternativen zum Zinssystem entwickelt werden und wenn deren Funktionsfähigkeit und deren Vorteile für alle Beteiligten demonstriert und für die Mehrheit der Menschen erkennbar werden, nur dann können wir hoffen, dass das destruktive Zinssystem allmählich zurückgedrängt und schließlich vielleicht auf demokratischem Wege (etwa durch einen Volksentscheid) ganz abgeschafft wird.

Nachtrag zu der von Roland Reich formulierten Inhaltsangabe zum Vortrag von Bernd Senf am 19.11.2002

Bei der obigen Inhaltsangabe habe ich mich an die zwischen Bernd Senf und mir in unserem Telefongespräch vom 19.8.2002 erzielte Übereinkunft bezüglich Überschrift und Inhalt des Vortrags gehalten. Diese Übereinkunft ist durch meine 3 Briefe (samt Anlagen) an Bernd Senf vom 28.6.2002, 12.8.2002 und 16.9.2002 dokumentiert. In der Inhaltsangabe habe ich größtenteils wörtliche Formulierungen aus diesen Unterlagen und aus Bernd Senfs Schriften verwendet.

Als ich Bernd Senf am 19.11.2002 vormittags anrief, um seine Fax-Nummer zwecks Übermittlung meiner Inhaltsangabe zu erfragen, teilte er mir jedoch mit, dass er auf dem Kongress vom 18. bis 20. Oktober in Kössen und Reit im Winkl mit Hans-Jürgen Klaussner hart aneinandergeraten sei. Daher sei er jetzt im wesentlichen zu seinem früheren, vernichtenden persönlichen Urteil über Klaussner zurückgekehrt, wie er es in seiner Buchbesprechung vom Juli 1998 formuliert hatte. (Auf Wunsch bin ich bereit, hiervon Kopien anzufertigen.) Darum wollte er Jetzt im Vortrag eigentlich gar nicht mehr über Klaussners WEG-Modell reden, entgegen dem zweiten Teil unserer vereinbarten Überschrift.

Zugleich protestierte Bernd Senf gegen meine Absicht, die von mir formulierte Inhaltsangabe an die Hörer zu verteilen, ohne dass darin schriftlich festgehalten sei, dass diese Inhaltsangabe von mir und nicht von ihm stammte. Er wollte nämlich nicht daran schuld sein, wenn Menschen im Vertrauen auf das Urteil von Bernd Senf möglicherweise Gelder an Klaussners WEG überweisen und diese dabei verlieren würden. Daher musste ich den Hörern diesmal die sonst übliche Zusammenfassung des Vortrags schuldig bleiben.

Um die bereits gedruckte Inhaltsangabe nicht in den Papierkorb werfen zu müssen, sondern für die weitere Diskussion über Wege zur Überwindung des Zinssystems nutzbar zu machen, habe ich zur Dokumentation von Bernd Senfs "Unschuld" diesen Nachtrag formuliert. (Natürlich kann auch ich keine Haftung für mögliche Fehlinvestitionen übernehmen: Jeder Mensch muss sich in eigener Verantwortung sein Urteil bilden.)

Roland Reich


Moderation: Thomas Betz. V. i. S. d. P.: Roland Reich
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2002-12-19