Beherrschen wir oder beherrscht uns die Technik? Wird die Technik vom Problemlöser zum Problemverursacher?

Chancen der Teamarbeit als Grundlage der Technikgestaltung am Beispiel der Informationstechnik

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Dr.-Ing. Bernd Schildwach, WiDIS GmbH, Berlin, Projektleiter QM-Beratungen
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1998-12-16 18:15 - 20:00 Uhr

Zusammenstürzende Häuser durch Gasexplosionen, entgleisende Personenzüge durch Radschäden, abstürzende Flugzeuge durch fehlerhafte Steuerungssysteme, Absperren von Zugangstüren durch Fehler in der Software eines Sicherungssystems, ... Meldungen, die uns täglich erreichen und bewußt machen, wie sehr wir uns der Technik in allen Lebenslagen bedienen und welchen Gefährdungen wir dadurch ausgesetzt sind.

Technik kann nicht als Bodenschatz gewonnen werden, sondern entsteht durch uns, den Menschen. Der Mensch ist in unterschiedlichen Phasen des Techniklebenszyklus Erfinder, Konstrukteur, Produzent oder Entsorger der Technik, aber er ist vor allem ihr Nutzer.

Die Lebenszyklusphasen werden in einem arbeitsteiligen Prozeß mit unterschiedlichen Organisationsformen und Motivationen für die beteiligten Menschen mit Leben erfüllt. Wird dieser Prozeß erfolgreich beherrscht, dann ist noch immer nicht ganz sicher, ob ein tatsächlicher Nutzerkreis für das Produkt vorhanden ist (sind die Erwartungen der Nutzer am Markt erfüllt?) und ob das Produkt für die vorgesehenen Anwendungen tatsächlich auch genutzt wird.

Die Technik muß so sicher gestaltet sein, daß bei dem vorgesehenen Gebrauch keine unmittelbaren Gefährdungen für einen Nutzer und für das Umfeld Natur ausgehen. Um die potentiellen und tatsächlichen Gefährdungen rechtzeitig zu erkennen, können wir die Methoden der Technikbewertung ("Technology Assessment") nutzen, die in allen Lebenszyklusphasen angewendet werden können. Was aber, wenn diese von Menschen durchgeführte Technikbewertung nicht alle Möglichkeiten für Versagen, Fehlnutzung und Ausfall der Technik sowie die damit verbundenen Auswirkungen auf die Natur berücksichtigt? Können bei der Konstruktion alle Fälle berücksichtigt und Vorsorge dafür getroffen werden, um eine falsche oder eine mißbräuchliche Anwendung der Technik zu verhindern? Dies wird wohl in vollem Umfang auch bei einer umfassenden Technikbewertung nicht möglich sein. Und dies wissen wir auch, sowohl als Konstrukteure wie als Nutzer.

Konstrukteure der Technik besitzen eine hohe Verantwortung bei der Vermeidung von Gefährdungen. Mit Methoden zur Sicherung der Qualität und der Zuverlässigkeit können sie die Technik so sicher gestalten, daß das Risiko abschätzbar ist. Jedoch leben sie in einer realen Welt, in der ihr Handeln nicht nur durch ihr Fachwissen, ihre Erfahrungen und ihr Gewissen, sondern auch durch Technologien und durch Organisationsstrukturen mit definierten Hierarchien, Verantwortlichkeiten sowie begrenzten Ressourcen bestimmt wird. In diesem Verständnis ist Technikgestaltung eine soziotechnische Systemgestaltung. Wenn wir den zunehmenden Kompliziertheitsgrad der Technik mit geringem Risiko beherrschen wollen, so genügt es nicht, die Ausbildung der Ingenieure zu verbessern oder an ihr Gewissen zu appellieren, sondern es müssen auch neue Formen der sozialen Beziehungen im Arbeitsprozeß und im gesellschaftlichen Leben gefunden werden.


Moderation: Wolfgang Hirschwald. V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1998-12-07