Das Geld im Spannungsfeld zwischen Ethik und Wirtschaft

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Harry Nick, Berlin
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1999-01-20 18:15 - 20:00 Uhr

Der Kapitalismus hat seit Beginn der achtziger Jahre seine Gestalt zusehends verändert. "Globalisierung", "Virtuelle Wirtschaft", "strukturelle Überakkumulation", "Kasinokapitalismus", "Entbettete Ökonomie", "Postfordismus" sind einige der Stichworte, die in der Diskussion über diese Veränderungen genannt werden. Diese Vorlesung ist der Versuch, eine gewisse Übersicht über die Probleme zu geben, einige Hauptgedanken zu bündeln, die in dieser Diskussion eine Rolle spielen; anknüpfend vor allem an die Arbeiten von Eric Hobsbawm (Zeitalter der Extreme, 1995), Lester Thurow (Die Zukunft des Kapitalismus, 1995), Altvater/Mahnkopf (Grenzen der Globalisierung, 1996), Viviane Forrester (Terror der Ökonomie, 1997), Hansgeorg Conert (Vom Handelskapital zur Globalisierung, 1998) und George Soros (Die Krise des globalen Kapitalismus, 1998).

Das Geld im Spannungsfeld zwischen Ethik und Wirtschaft kann in der Tat als eine gedankliche Achse für das Verständnis der heutigen Weltzustände, als Ausgangspunkt für die notwendigen Wandlungen angesehen werden: Die Veränderungen in der Wirtschaft, die Entfaltung der Kapitallogik, die Vergeldlichung sozialer Beziehungen über jedes vernünftige Maß hinaus sind die tiefsten Ursachen für die heutige Zivilisationskrise, die schwindende Bindekraft traditioneller sozialer Beziehungen; denn eine vornehmlich auf Tauschakten beruhende Gesellschaft lockert zwangsläufig die moralischen Hemmungen (Soros). Der Veränderungsdruck ist andererseits so stark geworden, daß eine Verständigung über das zu Leistende die Rückbesinnung auf moralische Werte einschließen muß. Die Dimension notwendiger Veränderungen läßt sich offenbar nur ermessen, wenn man sie logisch wie historisch in große weltgeschichtliche Zusammenhänge einzuordnen versucht.

A. Das widersprüchliche Wechselverhältnis zwischen Realwirtschaft und Geldsystem: Einerseits ist das Geldsystem unverzichtbares Medium wirtschaftlicher Rationalität, andererseits zunehmende Quelle wirtschaftlicher Irrationalität; die Verflechtungen zwischen Realwirtschaft und Geldsystem werden intensiver, zugleich aber entfernt sich das Geldsystem zunehmend von seinen durch die Realwirtschaft gegebenen objektiven Grundlagen.

Diese Widersprüchlichkeit setzte ein, als das Edelmetall, das Gold vor allem, zur allgemeinen Geldware geworden war, das Geld die ihm gemäße äußere Gestalt gewonnen hatte. Sie setzte sich fort mit der Einführung des Papiergeldes, dem Verzicht auf die Golddeckung des Papiergeldes, der Ausbreitung des Giralgeldes und endete schließlich im heutigen elektronisierten globalisierten Finanzsystem. Jede dieser Entwicklungsstufen war mit neuen Möglichkeiten rationelleren Wirtschaftens wie auch mit neuen Krisengefahren, mit Tendenzen zunehmender wirtschaftlicher Irrationalität verbunden.

Die fortschreitende Abkopplung des Geldsystems von der Realwirtschaft seit Beginn der achtziger Jahre wird vor allem durch folgende, sich wechselseitig in ihrer Entwicklung verstärkende Faktoren verursacht:

Natürlich kann die Nabelschnur zwischen Realwirtschaft und Geldsystem nicht wirklich durchtrennt werden. Letztlich ist der Nährboden für das Abheben des Geldsystems die Unfähigkeit der Realwirtschaft, die erwirtschafteten Gewinne aufzunehmen, in Gestalt von Investitionen vor allem. Und das wiederum ist letztlich durch das Zurückbleiben der Massenkaufkraft hinter den wirtschaftlichen Möglichkeiten bedingt; die plausibelste Erklärung hierfür ist noch immer die von Karl Marx.

Umgekehrt wird die Realwirtschaft durch die neue Dominanz des Finanzsystems - die alles in den Schatten stellt, was bislang über die Rolle der Banken, des Finanzkapitals, gesagt wurde - grundlegend verändert: Es sind fundamentale Veränderungen in den Eigentumsverhältnissen. Seit einem Jahrhundert etwa sind in der Großwirtschaft nicht mehr die Unternehmer-Eigentümer die zentrale soziale Gestalt des Kapitals; heute sind es auch immer weniger die bislang im Rampenlicht stehenden Manager. Die heute zunehmend das Sagen haben, sind vor allem die Herren über die Investmentfonds und Pensionskassen, meist verquickt mit den Großbanken.

Das Kapital scheint zu seinen Ursprüngen aus vorkapitalistischen Zeiten zurück zu wollen: Durch Geldgeschäfte aus Geld mehr Geld machen. Dies immer mehr auf geradem Wege, die Umwege über den Warenhandel oder über die spezifisch kapitalistische Form der Verwertung vorgeschossenen Werts - die Produktion - aussparend.

Erfordernisse und Bedingungen geradliniger Geldvermehrung werden nun der Realwirtschaft aufoktroyiert. Die neuen Geldherren schicken ihre Emissäre zu den Konzernfürsten und verlangen die globale Durchrationalisierung aller wirtschaftlichen Vorgänge nach der schlichten Formel "Hohe Rendite in kurzer Frist". "Shareholder-Value" heißt das heutzutage.

Und diese neuen Geldherren vor allem sind es auch, die die neue Gigantomanie initiieren, die Fusionswellen, die in den realen wirtschaftlichen Vorgängen - in den Veränderungen von Technologie, Organisation und rationalem Management - ebensowenig eine reale Grundlage haben wie das sich aufblähende Geldsystem in der Realwirtschaft.

B. Der bislang bedeutendste historische Gegenentwurf zu diesen kapitalistischen Gesellschaften ist weithin gescheitert, in Europa jedenfalls. Das "schwache Geld" hatte hieran einen bedeutenden Anteil.

Geld war in den untergegangenen sozialistischen Gesellschaften durchaus ein nur schwacher, ein sehr eingeschränkter Anspruch auf Güter und Leistungen, die der Geldbesitzer benötigte. Die weniger geldzentrierte Lebensweise mit ihren vielfach positiven Begleiterscheinungen mußte bezahlt werden mit geringerem unmittelbarem Interesse sowohl der Individuen wie der Betriebe als wirtschaftende Einheiten an den Ergebnissen wirtschaftlicher Tätigkeit. Dies war eine der wichtigsten Ursachen für die Leistungsschwäche der untergegangenen sozialistischen Gesellschaften, für schließliches wirtschaftliches Versagen. Es zeigte sich, daß ökonomische Interessen durch Appelle, daß Geld durch Ethik nicht schlechthin ersetzbar sind. Ein überzeugender Versuch einer Gesellschaft, in der Geld und Moral - die sich gewiß immer in einem Spannungsverhältnis zueinander befinden werden - einigermaßen miteinander ausgesöhnt sind, in der der Zugang zum Geld nur durch wirkliche Leistung für das Gemeinwohl möglich wird, steht noch aus.

C. Der Ausweg aus der Zivilisationskrise, die Abwendung der Gefahr gefährlicher Erschütterungen des Weltwährungssystems, des internationalen Geldsystems, verlangt internationale Mechanismen der Kontrolle, der Steuerung des Kapitalverkehrs. Das aber wird nicht ausreichend sein. Notwendig sind

D. Eine "zweite Aufklärung", neues Nachdenken über Leitbilder des "guten Lebens", die nicht nur das moralische Korrektiv zu profitgelenktem Wirtschaften ist, sondern Einfluß auf die Wirtschaftsweise nimmt, einen Wirtschaftstyp der "Nachhaltigkeit" ermöglicht, wird unerläßlich sein bei allem Nachdenken über Wege aus der Zivilisationskrise.


Moderation: Rolf Besser. V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1999-01-20