Am 29. April 1997 ist vier Jahre nach Abschluß weltweiter Verhandlungen endlich das Abkommen über ein Verbot der Entwicklung, Produktion, Lagerung und des Einsatzes Chemischer Waffen sowie über ihre Vernichtung in Kraft getreten, kurz das Chemiewaffenabkommen. Der erste Abrüstungsvertrag, der nicht nur den Einsatz, sondern auch die Entwicklung, Produktion und Lagerung einer ganzen Klasse von Waffensystemen und -komponenten verbietet und für die Einhaltung dieses Verbotes auch eine weltweit agierende Institution, die OPCW (Organization for the Prohibition of Chemical Weapons) schafft. Aber noch mehr als das: Das Abkommen schreibt vor, daß in allen Mitgliedsstaaten dieser Konvention nationale Gesetze die Einhaltung dieses Abkommens in geeigneter Weise sicherstellen und Verstöße gegen diesen Vertrag unter Strafe stellen müssen. Es ist damit Vorbild sowohl für die Verbesserung bestehender Abrüstungsverträge, wie zum Beispiel der Konvention zum Verbot Biologischer und Toxin-Waffen, als auch für die Entwicklung neuer Verträge wie zum Beispiel der von vielen Nichtregierungsorganisationen unter Federführung von INES ausgearbeiteten Konvention zum Verbot von Atomwaffen.
Obwohl heute schon mehr als 160 Staaten das Chemiewaffenabkommen unterschrieben und 116 Staaten es ratifiziert haben und obwohl die OPCW in Den Haag bereits seit Jahren arbeitet, wird das Thema Chemische Waffen noch lange nicht ein erledigtes Kapitel menschlicher, besser staatlicher Aggressivität sein. Wichtige Staaten wie Nord-Korea, der Irak, aber auch Syrien, Ägypten, der Libanon, Jordanien und viele weitere vor allem afrikanische Staaten haben das Abkommen nicht unterzeichnet. Die vereinbarte Vernichtung der bestehenden C-Waffen-Vorräte, vor allem in der ehemaligen Sowjetunion, aber auch in Deutschland, wird noch viele Jahre dauern. Und gleichzeitig bleibt die chemische Waffe als "Atombombe des kleinen Mannes", aber auch als Instrument von Terror für Verbrecher interessant. So hat gerade der US-Verteidigungsminister Cohen seine NATO-Kollegen darüber informiert, daß seine Regierung eine Organisation für Zivilverteidigung aufbaut, die 120 Städte der USA vor Terroranschlägen mit biologischen und chemischen Massenvernichtungsmitteln schützen soll. Der Minister empfahl seinen Kollegen, diesem amerikanischen Beispiel zu folgen.
Aber wieder einmal droht auch der wissenschaftliche "Fortschritt" zu neuen Gefahren zu führen. Sowohl verfeinerte chemische und biochemische Synthesemethoden als auch immer bessere Einblicke in die Steuerungsvorgänge von Hirn- und Körperfunktionen könnten zur Entwicklung neuer Ultra-Ultra-Gifte führen, die einerseits die ohnehin unscharfen Grenzen zwischen Biologischen und Toxin-Waffen einerseits und Chemischen Waffen andererseits weiter verwischen, die aber auch eine Kontrolle der Nichtproduktion entsprechend den Möglichkeiten nach der C-Waffen-Konvention unterlaufen könnten. Hier kommt es sehr deutlich auch auf die Aufmerksamkeit von NaturwissenschaftlerInnen an und deren Bereitschaft zum Whistle-Blowing, einem auch in friedenspolitischer Hinsicht weiter "heißen" Thema.
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