Chemische, ökologische und politische Probleme mit ehemaligen sowjetischen Militärflächen

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Knut Krusewitz, Umwelt und Gesellschaft, TU Berlin / Universität Florenz
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1998-01-14 18:15 - 20:00 Uhr

Können Sie sich vorstellen, daß die Analyse naturwissenschaftlicher und zukunftsplanerischer Aspekte der Konversion großflächiger militärischer Übungsgebiete ein spannendes friedenswissenschaftliches Thema sein kann? Dies ist jedenfalls meine Hauptthese.

Das einschlägige empirische Anschauungsmaterial liefert die vorherrschende umweltwissenschaftliche und administrative Behandlung der Hinterlassenschaften militärischer Aktivitäten auf freigezogenen sowjetischen Truppenübungs-, Schieß- und Bombenabwurfplätzen in den fünf neuen Bundesländern.

Deren Streitkräfte nutzten dort im Jahr 1992 eine Fläche von rund 243000 Hektar; in allen Bundesländern zusammen nutzte das Militär zu diesem Zeitpunkt rund 900000 Hektar. Ursächlich verbunden mit dem Militärbetrieb sind militärchemische Belastungen, von denen immer auch Gefährdungen für die Umwelt und insbesondere für die menschliche Gesundheit ausgehen.

Deshalb erklärte der Umweltminister Klaus Töpfer im Mai 1992 auf dem Thüringer TrÜbPl Ohrdruf, für die Bundesregierung habe die flächendeckende Erfassung, Gefährdungsabschätzung und Sanierung freigezogener sowjetischer Militärflächen Modellcharakter für die Behandlung anderer militärischer Liegenschaften. Ergänzend zur Überprüfung der konkreten Abrüstungsschritte solle jetzt auch die Umweltsituation auf militärischen Liegenschaften untersucht werden. Dies sei die entscheidende Voraussetzung, um dort den dringend erforderlichen nachsorgenden Umweltschutz durch Sicherung und Sanierung ökologischer Altlasten betreiben zu können.

"Dieses bisher einmalige Vorhaben wird", so der Umweltminister weiter, "beispielgebend sein für die Behandlung anderer militärischer Liegenschaften. Wir wollen nicht nur Frieden schaffen mit immer weniger Waffen, sondern auch alles daran setzen, den Frieden mit der Natur zu sichern."

Für diejenigen, die bereit waren, solche regierungsamtlichen Ankündigungen im Jahr der Rio-Konferenz mit ihrer Sustainability-Verpflichtung nicht von vornherein unter Ideologieverdacht zu stellen, ergab sich daraus eine beachtliche zukunftsplanerische Perspektive. Im Rahmen einer nachhaltigen Regionalentwicklung, so die Planungsannahme, könnten militärchemisch hochbelastete Gebiete zukünftig gründlich saniert werden mit dem Ziel, sie für sozial verträgliche, ökonomisch sinnvolle und dauerhaft umwelt-gerechte Zwecke nutzbar zu machen. - Soweit die mögliche Perspektive.

Die Realität stellt sich fünf Jahre später völlig anders dar:

Jüngste Literatur des Referenten zu diesem Thema:

  1. Warum ist Militärchemie ein pazifistisches Thema? Vortrag am 29. Juli 1996 in Neuruppin, in: Heft 1/1996 der Schriftenreihe der Rhöner Friedenswerkstatt, Ebersburg 1996
  2. Pazifismus und Sustainability in: Peter Strutynski (Hrsg.), Entwicklung braucht Frieden, Analysen und Positionen aus Wissenschaft und Friedensbewegung, Kassel 1997
  3. Der Schieß- und Bombenabwurfplatz Wittstock. Ökologische, militärchemische und nutzungsalternative Aspekte, Beilage in: Friedensforum, Heft 3 (Mai-Juni) 1997

Knut Krusewitz

ist promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler und habilitierter Umweltplaner; z.Z. Gastprofessor an der Universität Florenz.


Verantwortlich: Dietrich Haase.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1998-01-14