Mögliche Entwicklungen der Währungsunion
Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft
- Referent:
- Prof. Dr. Klaus Peter Kisker,
Wirtschaftspolitik, FU Berlin
- Ort:
- Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
- Zeit:
- Mittwoch, 1998-11-04 18:15 - 20:00 Uhr
Die Diskussion um die nicht zu leugnenden Gefahren der Globalisierung, die
Fehlentwicklung der Währungsunion und die Folgen der Einführung des
Euro krankt daran, daß hier im wesentlichen nur Symptome angeprangert,
beschrieben oder bekämpft werden, zu ihren eigentlichen und gemeinsamen
Ursachen aber nicht vorgestoßen wird. Die Folge ist, daß die
Therapieempfehlungen einen sehr eklektischen (unschöpferisch
zitierenden) Charakter haben.
Die zu beobachtende Globalisierung und die Konstruktion der Europäischen
Wirtschafts- und Währungsunion mit dem Euro sind genauso wie die
Asienkrise und die schweren Probleme der russischen Wirtschaft Symptome einer
tieferliegenden Regulationskrise der kapitalistisch organisierten
Weltgesellschaft beziehungsweise Reaktionen hierauf.
Die strukturelle Überakkumulation
Im Unterschied zu den Aufschwungsphasen vor dem Ersten Weltkrieg und nach dem
Zweiten Weltkrieg sehen wir seit Beginn des 7. Nachkriegszyklus, d.h. seit
1975:
- daß die Arbeitslosigkeit im Zuge des Aufschwunges nicht abgebaut
wird,
- daß die Armut auch in den reichen Ländern zunimmt,
- daß Überkapazitäten trotz massenhafter Konkurse
über den Zyklus hinweg bestehen bleiben,
- daß eine in dieser Rigorosität noch nie zu beobachtende
nationale und internationale Verdrängungskonkurrenz eingesetzt hat.
Die in allen hochindustrialisierten, kapitalistischen Ländern zu
registrierende Tendenz der längerfristig fallenden Profitrate war solange
unproblematisch, wie die fallenden Profitraten durch steigende
Profitmassen kompensiert werden konnten. Neu ist nun seit Mitte der
siebziger Jahre, daß die längerfristige Akkumulationsrate, das
heißt das neue, zusätzlich gebildete Realkapital,
gesamtgesellschaftlich und tendenziell gesehen, nicht mehr ausreicht, den Fall
der Profitrate zu kompensieren. Die Folge ist eine Strukturelle
Überakkumulation
Verschärfung der Krise
Die Strukturelle Überakkumulation hat strategisches Handeln seitens der
Kapitale herausgefordert. So ist zu erklären:
- daß die Realinvestitionsquoten in allen hochindustrialisierten
Ländern deutlich zurückgegangen sind,
- daß die Unternehmer versuchen, ihre Investitionen auf Ersatz- und
Rationalisierungsinvestitionen zu beschränken,
- daß sie auf Kosten der Realinvestitionen riesige Geldkapitale
bilden und
- eher andere Firmen aufkaufen, als die Gewinne zum Ausbau bestehender
Unternehmen zu verwenden.
Mit diesen kapitalimmanent logischen, betriebswirtschaftlich rationalen
Maßnahmen können die Einzelkapitale kurzfristig ihren Gewinn
stabilisieren, längerfristig verschärfen sie jedoch damit die
strukturelle Überakkumulation. Es entwickelt sich ein Circulus vitiosus
mit zunehmender Arbeitsplatzvernichtung.
Profitstabilisierung auf Kosten der Zivilgesellschaft
Besonders erfolgreich im Sinne der Kapitale war in den letzten 15 Jahren die
Stabilisierung der Profitrate durch rigorose Umverteilung des Volkseinkommens
zu Lasten der abhängig Beschäftigten. Dies ist zum einen durch
tarifpolitische Maßnahmen, durch Rationalisierung und Intensivierung der
Arbeit, zum anderen durch massiven Druck auf den Staat erreicht worden. Der
Preis dafür ist zunehmende soziale Ungleichheit, wachsende Armut und
steigende soziale Spannungen: kurz eine Zerstörung der Zivilgesellschaft
und damit auch eine Gefährdung der wesentlichen Voraussetzungen für
Produktivitätssteigerungen.
Globalisierung - Mythos und Realität
Globalisierung ist keine wissenschaftlich fundierte Kennzeichnung einer neuen
Etappe in der Entwicklung der Weltwirtschaft, sondern eine Waffe, ein
Kampfbegriff. Globalisierung ist ein anderes Wort für Klassenkampf von
oben. Mit dem Mythos der Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung, mit der
Behauptung einer ganz neuen Qualität der Weltmarktkonkurrenz oder eines
qualitativen Sprunges in der Tendenz zur Internationalisierung wird die
Unterordnung der Staaten unter die Interessen der Kapitale voranzutreiben
versucht. Mit dem Hinweis auf die sich aus der Globalisierung der Wirtschaft
ergebenden Sachzwänge ist der oft als "rheinischer Kapitalismus"
bezeichnete, historische Kompromiß zwischen Arbeit und Kapital
aufgekündigt und eine tiefgreifende Verwerfung der gesellschaftlichen
Verhältnisse eingeleitet worden.
Casinokapitalismus
Der Casinokapitalismus ergibt sich aus der Logik der Strukturellen
Überakkumulation. Ein großer Teil der Gewinne wird nicht mehr real
investiert, da dies die zukünftigen Gewinnaussichten schmälern
würde, sondern auf die internationalen Finanzmärkte geworfen. Mit der
zunehmenden Geldkapitalbildung und den daraus erzielten Zins- und
Spekulationserträgen konnten in den letzten Jahren die sinkenden
Erträge beziehungsweise Verluste im Produktionsbereich auf Kosten der
Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte vielfach kompensiert
werden.
Der Sinn der Währungsunion
Das Maastricht-Europa entspricht nicht dem jahrhundertelangen Traum vieler
Europäer von einem grenzenlosen Europa. Es ist der Versuch der
europäischen, allen voran der deutschen Kapitale angesichts einer
tiefgreifenden strukturellen Krise, ihre Verwertungsbedingungen - koste es was
es wolle - zu verbessern. Das Mittel dazu ist eine Kastration der
nationalstaatlichen Wirtschaftspolitik. Zu Recht fürchten die nationalen
Kapitale, daß die nationalen Parlamente und Regierungen dem Druck der
zunehmenden Massenarbeitslosigkeit und Verarmung auf Dauer nicht standhalten
können. Sie fürchten, daß hier die Geschichte und Tradition der
Arbeiterbewegung mit der Vision einer solidarischen Gesellschaft nicht ganz
vergessen ist. Es ist der Versuch, wirtschaftspolitische Kursänderungen
durch eine Entmächtigung des Staates dauerhaft zu unterbinden.
Der neokonservativen Konzeption liegt eine groteske Verengung des Begriffs
"Wirtschaftliche Stabilität" zu Grunde. Unter Stabilität wird hier
ausschließlich Preisstabilität verstanden. Stabilität der
Beschäftigung, der sozialen Sicherheit, Stabilität der Einkommen, der
regionalen Entwicklung und zukunftsfähige ökologische Stabilität
spielen dabei keine Rolle.
Eine nicht monetaristisch orientierte europäische Integration bietet die
Chance, die Zukunft Europas zu gestalten und unabhängig von
äußerem Druck systembedingte Arbeitslosigkeit und Ausplünderung
der Natur durch eine Eingrenzung der privatwirtschaftlichen zu Gunsten einer
gesellschaftlichen Logik zu vermindern. Die Verteidigung und Verbesserung
sozialer Errungenschaften ist kein Konservativismus, sondern Humanismus.
Globalisierung und die Konstruktion der Europäischen Wirtschafts- und
Währungsunion mit dem Euro haben eins gemeinsam: Sie stabilisieren
kurzfristig den Profit der Kapitale zu Lasten einer längerfristigen
Gewinnerzielung, vor allem aber auf Kosten der Gesellschaft und der Natur. Die
strukturelle Überakkumulation erfordert, die genannten Maßnahmen zu
forcieren. Daraus folgt nicht die "große" Krise, nicht der Zusammenbruch,
sondern eine zunehmende Irrationalität der kapitalistischen Systeme. Die
Entwicklung auf den Arbeitsmärkten zeigt besonders deutlich, daß die
kapitalistischen Systeme an ihre historische Schranke gestoßen
sind. Die auf die reaktionäre neoliberale Ideologie aufbauenden Strategien
der Unternehmen, wie die der kapitalorientierten Regierungen, hemmen
beziehungsweise pervertieren die Entwicklung der gesellschaftlichen
Produktivkräfte und verschärfen damit die gegenwärtige Krise.
"Die Welt", so der US-amerikanische Ökonom Ethan Kapstein, "steuert
unerbittlich auf einen dieser tragischen Momente zu, der zukünftige
Historiker fragen lassen wird: 'Warum wurde nicht rechtzeitig etwas
unternommen?'" Es ist höchste Zeit etwas zu unternehmen, nämlich neue
Regeln des sozialen Ausgleichs und der ökologischen Umgestaltung
durchzusetzen. Dazu bedarf es der Kenntnis alternativer Wege und eines breiten
Bewußtseins von der Notwendigkeit aktiver Einflußnahme der Menschen
in Europa für Europa.
V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung:
Burkhard Kirste, 1998-10-29