Kapitalismus am Ende?

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Prof. Dr. Klaus Peter Kisker, Wirtschaftswissenschaft, Freie Universität Berlin
Ort:
Kristallographie, Takustr. 6, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2002-12-11 18:15 - 20:00 Uhr

Die Hilflosigkeit unserer Politiker angesichts zahlreicher bedrückender Probleme (wie anhaltende Rezession ohne Wirtschaftswachstum, steigende Massenarbeitslosigkeit, global zunehmende Armut und Zerstörung von Demokratie und Umwelt) wirft die Frage auf: Ist das kapitalistische Regulierungssystem an seine Grenzen gestoßen?

In einer Analyse der historischen Entwicklung des Kapitalismus vom Ende des 18. Jahrhunderts bis heute mit vielen interessanten wirtschaftlichen Zusammenhängen macht Klaus Peter Kisker deutlich, dass die kapitalistischen Systeme heute an eine historische Schranke gestoßen sind, weil sie die Entwicklung der wirtschaftlichen Produktivkräfte hemmen. Die behauptete Produktivität, Rationalität und Effizienz kapitalistischer Märkte beruht nämlich auf einer bedenkenlosen Identifikation der Interessen des Kapitals mit den Interessen der Gesellschaft. Faktisch bedeutet die betriebswirtschaftliche Rationalität (d.h. das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen) eine enorme Vergeudung von Ressourcen.

Die im Interesse der Gesellschaft erforderliche Beseitigung von Umweltschäden, die Umstellung auf umweltschonende Energie-, Verkehrs- und Abfallsysteme, die Sanierung der Städte, die Schaffung von Wohnungen und sozialer Infrastruktur sind nur einige Beispiele für dringende Aufgaben, die viele Arbeitskräfte erfordern. Die Bewältigung dieser Aufgaben würde den Lebensstandard der Mehrheit der Menschen nachhaltig verbessern. Um unserer Kinder und Enkelkinder willen müssen wir die inhumane privatwirtschaftliche Logik zugunsten einer menschenwürdigen gesellschaftlichen Logik zurückdrängen.

Mit öffentlichen Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur, den Wohnungsbau und in die soziale Infrastruktur, in den Umweltschutz, in erneuerbare Energien, Ausweitung der öffentlichen Dienstleistungen im Bildungs- und Gesundheitsbereich ist die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu beleben bzw. die mangelnde Investitionstätigkeit der privaten Wirtschaft zu kompensieren.

Als Sofortmaßnahme zur Verteidigung des Sozialstaates ist ein Widerstand gegen weitere Privatisierungen der sozialen Sicherungssysteme insbesondere im Bereich der Renten und der Gesundheit notwendig. Diese dürfen nicht der Logik des Marktes unterworfen werden. Mittelfristig sollte ein System von Mindeststandards eingeführt werden. Als langfristiges Ziel ist eine europäische Sozialverfassung zu fordern, die allen Menschen in Europa Anspruch auf einen Schutz gibt, der ein menschenwürdiges Leben garantieren kann.

Das Überleben der Menschheit erfordert, Strukturen zu entwickeln, in denen die Menschen die Produktion sowie ihre eigenen gesellschaftlichen Verhältnisse beherrschen und in gesellschaftlicher Verantwortung entscheiden, was wo in welchen Mengen und unter welchen Bedingungen produziert wird. Die gegenwärtige Steuerung der kapitalistischen Wirtschaft durch den privaten Profit muss also überwunden werden. Statt der betriebswirtschaftlichen brauchen wir eine gesellschaftliche Profitorientierung.

Mit den bisherigen Vorträgen unserer Ringvorlesung stehen wohl alle diese Forderungen von Klaus Peter Kisker im Einklang. Im Gegensatz zu zahlreichen Vorrednern unserer Ringvorlesung sieht Kisker allerdings das Zinssystem nicht als eine wirtschaftlich-kausale und zugleich psychologische Ursache für die von uns allen beklagten Bedrohungen des sozialen und globalen Friedens, der Demokratie und der Umwelt. Hier besteht also noch Diskussionsbedarf.

Eine Kopie des Vortragsmanuskripts wird an die anwesenden Hörer verteilt.


Moderation: Thomas Betz. V. i. S. d. P.: Roland Reich
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2002-12-12