"Feststellen, was der Fall ist" - Zur Kritik naturwissenschaftlicher Vernunft

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Dr. Rainer Hohlfeld, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1998-11-25 18:15 - 20:00 Uhr

Das gegenwärtige Wissenschaftsverständnis lebt immer noch von der Dichotomie von "objektiven" Naturwissenschaften einerseits und den "subjektiven" Geisteswissenschaften andererseits; von der Unterscheidung von wertfreiem Erkennen und wollendem - und damit bewertendem - Handeln, die Max Weber noch einmal bekräftigt hatte. Durch den Gegenstand und die Methode ist die naturwissenschaftliche Erkenntnis determiniert - ob der Erkennende nun will oder nicht, ob er Chinese oder Brite, ob er Christ oder Buddhist sei. Doch schon Weber selbst machte den ersten Schritt in der Relativierung dieses starren Schemas mit seiner präzisen Kennzeichnung des Wissenschaftsbegriffes der experimentell vorgehenden Naturwissenschaften: "Alle Naturwissenschaften geben uns Antwort auf die Frage: Was sollen wir tun, wenn wir das Leben technisch beherrschen wollen?" Und dieses "Beherrschen wollen" schließt eine Erkenntnisform, eine Wissenschafts-Methodologie ein - die "experimentelle Philosophie" - die keinesfalls die einzig mögliche Grundlage wissenschaftlichen Erkennens ist; man denke nur an phänomenologisch-morphologische oder naturhistorische Erkenntnisweisen in Biologie und Medizin. Mit dem experimentellen Vorgehen trifft das "beherrschende Wollen" Vorentscheidungen nicht nur in bezug auf die Gegenstandswahl und den Erkenntniszweck, sondern auch über die Art und Weise des Umgangs mit dem Objekt, über die Art und Weise der "Ergreifung des Wirklichen" (H. Dingler).

Die experimentelle Philosophie hatte in der modernen Naturforschung dem Experiment eine zentrale Rolle in der Überprüfung hypothetischer und prinzipiengeleiteter Aussagen zugeschrieben, die ihren Niederschlag in der Formel von der "gezielten Frage an die Natur" und der "experimentellen Beweisführung" gefunden hat. Das Experiment sollte der strengen empirischen und damit "objektivierenden" Überprüfung der freien spekulativen Hypothese dienen und die wissenschaftliche Erkenntnis von allen subjektiven und rein geistigen, "idealistischen" Elementen reinigen.

Die genaue Analyse des physikalischen Erkenntnisprozesses seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zeigte jedoch, daß diese Auffassung revisionsbedürftig war, da theoretisch-hypothetische Erklärung einerseits und experimentell erzeugte wissenschaftliche Tatsachen vom Entdeckungszusammenhang an bis zur theoretischen Begründung immer eng verflochten sind: Es gibt keine Beobachtung und Messung vor aller Theorie und unabhängig von ihren Voraussetzungen. Theoretische Grundprinzipien und -Begriffe sind immer auch Konstruktionen des experimentellen "Beobachters" und abhängig von dessen sozialem und intellektuellem Standort in Philosophie, Wissenschaft und Kultur.

Je nach Ausbildung, philosophisch-weltanschaulicher Grundüberzeugung und wissenschaftlicher Herkunft bevorzugen die einen atomistische, die anderen wiederum holistische Konzepte, die einen grenzen den Gegenstand so, die anderen wiederum ganz anders ab - ganz wie sie und ihre wissenschaftliche Tradition das favorisieren. Ob man will oder nicht: selbst in den naturwissenschaftlichen Erkenntnisprozeß schleichen sich subjektiv-wertende Vorentscheidungen ein, die auch durch den Forschungsprozeß nicht wieder ausgemerzt werden können. Im Vortrag soll diese These näher begründet und mit Beispielen aus der Biologie illustriert werden.


V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1998-11-20