Seveso ist zwar nicht überall, aber in Futtermitteln werden in unschöner Regelmäßigkeit Dioxine nachgewiesen und bei zahlreichen Stoffen, die umweltoffen verwendet werden und sich in der Nahrungskette anreichern können, werden Wirkungen auf das Hormonsystem von Mensch und Tier nachgewiesen.
Auch wenn die Zeit der regelmäßigen Chemieskandale und der "Schadstoffe der Woche" (hoffentlich) vorbei ist, hat die Chemie als Wissenschaft und Industriezweig noch etliche Aufgaben zu lösen, bis von einer dauerhaft umweltverträglichen oder "nachhaltigen" Chemie die Rede sein kann.
In der Koalitionsvereinbarung der rot-grünen Regierungsparteien wurde beschlossen, die chemiepolitischen Empfehlungen der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" umzusetzen. Die Empfehlungen dieser Kommission haben drei Schwerpunkte:
Das Umweltbundesamt hat sich mit den Anregungen der Enquete-Kommission auseinandergesetzt und im Sommer 1999 eine Studie "Handlungsfelder und Kriterien für eine vorsorgende nachhaltige Stoffpolitik am Beispiel PVC" veröffentlicht. In dieser Studie werden stoffpolitische Umwelthandlungsziele vorgestellt, die Schritte zur Entlastung der Umwelt beschreiben. Ein vorrangiges Ziel, das in Übereinstimmung mit ähnlich lautenden Beschlüssen internationaler Meeresschutzabkommen steht, lautet:
Bei einem langfristigen Verbleib von Fremdstoffen in der Umwelt sind nachteilige Wirkungen, die unter Umständen noch nicht bekannt oder untersucht sind, nie völlig auszuschließen. In Verbindung mit Anreicherung in Organismen oder hoher Mobilität stellt dies ein besonders hohes Risiko dar.
Diese und weitere chemiepolitische Anforderungen stehen im Einklang mit den "Leitlinien Umweltvorsorge", die die Bundesregierung bereits 1986 beschlossen hat:
Die Umweltvorsorge wird darin in drei Bereiche eingeteilt:
Risikovorsorge bedeutet dabei, auch solche Schadensmöglichkeiten in Betracht zu ziehen, "die sich nur deshalb nicht ausschließen lassen, weil nach derzeitigem Wissensstand bestimmte Ursachenzusammenhänge weder bejaht noch verneint werden können und daher insoweit noch keine Gefahr, sondern nur ein Gefahrenverdacht oder ein Besorgnispotential besteht." Der Zukunftsvorsorge wird am besten dadurch entsprochen, daß "umweltschonende Produktionsprozesse und Produkte entwickelt werden, die Emissionen von umweltbelastenden Stoffen erst gar nicht entstehen lassen oder zumindest so weit wie möglich vermeiden."
Betrachtet man die Praxis der gesetzlichen Risikobewertung von Stoffen im Rahmen des Chemikaliengesetzes, ist festzustellen, daß sie sich weitgehend auf die Ebene der Gefahrenabwehr beschränkt.
Um den Anforderungen einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung im Sinne der Risiko- und Zukunftsvorsorge zu entsprechen, muß die Chemie weit mehr tun.
Die Diskussion über eine dauerhaft umweltgerechte oder "nachhaltige" Chemie wird national und international in unterschiedlichen Gremien geführt. Die OECD hat eine "Steering Group on Sustainable Chemistry" eingesetzt, eine Übersicht über "Sustainable Chemistry"-Aktivitäten in verschiedenen Ländern erstellt und im Oktober 1998 einen "Workshop on Sustainable Chemistry" durchgeführt. Schweden hat im Herbst 1997 ein Konzept "Towards a Sustainable Chemicals Policy" vorgelegt. Eine vergleichbare Diskussion findet in Dänemark statt ("Confronting hazardous industrial chemicals"), Danish Ecological Council and Waterwatch, 1998). In den USA wird die "Green Chemistry" oder "Sustainable Chemistry" vor allem von dem mit Mitteln der EPA eingerichteten "Green Chemistry Institute" vorangetrieben. Ziel ist vor allem die Entwicklung und Herstellung sowie der Gebrauch umwelt- und gesundheitsverträglicher Chemikalien und Produkte.
Eine besonders aktive Rolle in der deutschen Diskussion über eine "Nachhaltige Chemie" spielt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, die im Sommer 1997 ein Konzeptpapier "Nachhaltige Chemie als Herausforderung und Chance für den Arbeits-, Umwelt- und Verbraucherschutz sowie für den Chemiestandort Deutschland" vorgelegt hat. Hierin wird u.a.
Diese und weitere Anregungen sind vom Bundesforschungsministerium im Rahmen des Chemie-Dialogs des BMB+F in Form der Gesprächsrunden "Nachhaltige Chemie" aufgegriffen worden, die von der DECHEMA organisiert werden.