Der Dualismus von Willensfreiheit und Determiniertheit menschlichen Handelns

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Prof. Dr. Bodo Hamprecht, Theoretische Physik, FU Berlin
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2001-01-31 18:15 - 20:00 Uhr

Die Aktualität dieses Themas geht aus dem Interview im "Spektrum der Wissenschaft" vom Oktober 2000 mit dem Neurobiologen Gerhard Roth (Universität Bremen) und dem Philosophen Gerhard Vollmer (TU Braunschweig) hervor. Diese Forscher sind anscheinend der Überzeugung, daß der klassische Geist-Materie-Dualismus zu Ende gegangen ist und sich als ein "Pseudoproblem" aufgelöst hat. Zwar halten sie es (im Gegensatz zu einigen US-Computerspezialisten) zur Zeit noch für undenkbar, eine Maschine zu konstruieren, die "fühlt" wie ein Mensch. Aber die objektive Erforschung von Unbewußtem und von subjektiven Gefühlen (experimentell, mit Bildgebung) macht nach Überzeugung dieser Forscher solche Fortschritte, daß "bald klar ist, was die Menschen antreibt, auch unbewußt ..." und "warum sie tun, was sie tun". Daher werde sich in ca. zehn Jahren die "Einsicht" durchgesetzt haben, daß es in Wirklichkeit einen freien Willen "im Sinne einer subjektiven Schuldfähigkeit" nicht gebe. "Die Entthronung des Menschen als freies denkendes Wesen ist der Endpunkt, den wir erreichen."

Unser eigentliches Geist-Materie-Problem liegt konkret in der Willens- und Entscheidungsfreiheit für menschliche Handlungen, wo der "Geist" materiell beobachtbare Konsequenzen bewirkt. Das Problem der Willensfreiheit hat schon früher die Gemüter erregt, z.B. als man im 19. Jahrhundert aufgrund der naturwissenschaftlichen Entwicklung glaubte, alles Geschehen auf der Welt sei aufgrund der Kausalität physikalisch prinzipiell determiniert (auch wenn es wegen seiner Kompliziertheit für uns Menschen oft nicht vorhersagbar ist). Man zog daraus den scheinbar logischen Schluß, daß es dann auch keinen freien Willen geben könne. Durch einen solchen Schluß mußten sich natürlich alle Erziehungswissenschaftler existentiell getroffen fühlen, da ihre Arbeit vom Appell an den freien Willen des Menschen lebt.

Als dann in der ersten Hälfte des jetzt zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts klar wurde, daß aufgrund der Heisenbergschen Unschärferelation auch makroskopische Vorgänge (z.B. in der Atmosphäre, aber auch z.B. in unserem Gehirn) prinzipiell nicht streng determiniert sind, schien der "freie Wille" gerettet, und die Erziehungswissenschaftler atmeten erleichtert auf.

Bei genauerer Überlegung muß man allerdings sagen, daß diese "Erleichterung" auf einem Mißverständnis beruht: Die prinzipielle Unbestimmtheit physikalischer Elementarprozesse kann nämlich nicht durch den menschlichen Willen beeinflußt und für eine Handlungsentscheidung in der einen oder anderen Richtung nutzbar gemacht werden. Unser Wille wäre infolge dieser Unbestimmtheit zwar nicht der Kausalität, aber dafür der Zufälligkeit physikalischer Elementarprozesse ausgeliefert und damit eher noch unfreier als zuvor!

Sozusagen "zum Trost" kann man sich aber klarmachen, daß auch der obige, scheinbar logische Schluß von vornherein auf einem Mißverständnis beruhte: Selbst wenn alles materielle Geschehen streng kausal durch Naturgesetze determiniert wäre, könnte man daraus nämlich keine Aussage über die Freiheit oder Unfreiheit des Willens ableiten, solange sich der Begriff "Willensfreiheit" nicht in der Sprache der Naturwissenschaft objektiv definieren läßt. Was wir mit diesem Begriff eigentlich meinen, entzieht sich aber einer objektiven Definition, weil das Gemeinte in einer subjektiven, gefühlsmäßigen Ebene liegt: Wir definieren unseren Willen als "frei", wenn wir unter verschiedenen Handlungsoptionen diejenige auswählen können, die uns am besten erscheint. Welche Option das individuell ist, hängt (wie wir trotz obiger Definition natürlich wissen) außer von zufälligen momentanen Einflüssen maßgeblich von unserem Erbgut und von unserer Erziehung und Bildung ab, also von determinierenden Einflüssen unserer Vergangenheit!

Derjenige Mensch realisiert am ehesten seinen eigenen, freien Willen, der sich bei seinem Verhalten prinzipiell Rechenschaft ablegt, ob dieses z.B. dazu beiträgt, seine Umwelt so zu erhalten, wie er sich darin wohlfühlt. Diesem Ziel dient er vielleicht am besten, wenn er die Liebe, die er empfangen hat, an seine Mitmenschen weitergibt. Dieses Prinzip läßt sich zusammenfassen durch den simplen Vers:

"Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu and'rer Glück;
denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigne Herz zurück."

Ein "weiser" Mensch (der sich über alle Konsequenzen seines Handelns Rechenschaft ablegt) sollte hiernach auch ein "guter" Mensch sein.

Wer sich solchermaßen an feste Prinzipien hält, dessen Verhalten ist aber viel eher vorhersagbar als das Verhalten eines Menschen, der unreflektiert und planlos zufälligen äußeren Einflüssen und Gelüsten folgt. Daran sehen wir, daß die Unvorhersagbarkeit (im Gegensatz zu dem obigen, scheinbar logischen Schluß) gerade nicht das trifft, was wir eigentlich mit der "Freiheit" des Willens meinen!

Wenn das Verhalten eines Menschen, der seinen ihm eigenen freien Willen verwirklicht, aufgrund seiner Prinzipien vorhersagbar ist, so wird ein materialistischer Betrachter dazu neigen, es als "determiniert" zu bezeichnen und auf physikalisch-chemische Kausalketten zurückzuführen. Daß solche Kausalketten vorhanden sind, mag sein. Trotzdem wäre es falsch, diesem Menschen deshalb seinen freien Willen abzusprechen, denn sein Wille erfüllt sich ja gerade durch die Verwirklichung seiner Prinzipien! Falls es der Hirnforschung gelingen sollte, die (durch überlagerte Zufallsprozesse evtl. leicht gestörten) Kausalketten dieser Verwirklichung sichtbar zu machen, zeigt sie objektiv ein Stück des physikalisch-chemischen Weges, auf dem sich der Wille verwirklicht. Vielleicht wird das Subjekt während dieser Prozesse das Gefühl haben, daß seine freie Entscheidung in dem Moment gerade erst entsteht. Vielleicht kommt ihm auch zu Bewußtsein, daß es sich aufgrund seiner Gedächtnisinhalte und seiner von ihm selbst programmierten Grundsätze nicht anders entscheiden kann, als es das tut. Es wird aber darum nicht das Gefühl einer "Unfreiheit" haben, weil seine Grundsätze ja Teil seines "Ich" sind. Beim Auftauchen neuer Argumente hat das denkende Ich bis zu einem gewissen Grad auch die Möglichkeit, seine Grundsätze zu ändern (was dem Kausalgesetz keineswegs widersprechen müßte). Nichts anderes ist mit dem Wort "Willensfreiheit" gemeint!

Mit diesem Dualismus von subjektiver Willensfreiheit und objektiver Determiniertheit menschlichen Handelns können wir also logisch leben - ähnlich wie mit dem Welle-Teilchen-Dualismus in der Quantentheorie: Auch dort mußten wir lernen, daß entgegengesetzte Modelle der Natur, die sich nach dem "gesunden Menschenverstand" scheinbar ausschließen, trotzdem gleichzeitig "wahr" sein können.

"Bewußtsein" und "freier Wille" sind (ebenso wie "Freude", "Liebe" und "Glück") "subjektive" Begriffe, die sich einer "objektiven" (d.h. durch physikalische Meßinstrumente vollständig dokumentierbaren) Definition entziehen. Natürlich kann man viele physikalisch-chemische Begleiterscheinungen dieser subjektiven Größen objektiv dokumentieren, aber das Wesentliche, was wir subjektiv eigentlich mit diesen Begriffen meinen und empfinden, wird dabei nicht mit erfaßt.

Solange man die Begriffe "menschlicher Geist" und "menschliches Bewußtsein" nicht in der objektiven Sprache der Physik vollständig definieren kann, kann man wohl keine objektiv beweisbare Aussage darüber erwarten, ob und wie der menschliche Geist die physikalisch beobachtbaren Handlungen des Menschen steuert. Solange man aber einen solchen Glaubenssatz nicht widerlegen kann, sollte man darauf verzichten, die von jedem Menschen als "Tatsachen" empfundenen subjektiven Seiten des Lebens als "objektiv nicht existent" zu betrachten.


Diskussionsleitung: Horst Gronke
V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2001-01-18