Paradoxes Jahr 1999: Rot-Grün ist an der Macht, und ausgerechnet die Regierung der vermeintlichen Links-Parteien tut, was lange undenkbar war - sie sendet deutsche Truppen in den Krieg.
Auf der einen Seite hat der Kosovo-Einsatz der Allianz zu einem gewissen Erfolg geführt: Milosevic mußte schließlich einlenken. Seine Vertreibungspolitik wurde gestoppt. Auf der anderen Seite hat der Militäreinsatz das Elend der Kosovaren zunächst vergrößert: Tote, Verletzte, Mißhandelte, Vertriebene. Auch die Nachkriegslandschaft bietet kein rosiges Bild.
Die über die Medien vermittelten Begründungslinien von Befürwortern und Kritikern des Krieges verlaufen anders als in der Vergangenheit. Früher standen sich sog. Pazifisten und sog. Realisten (Vertreter der "Staatsräson") gegenüber. Heute bedienen sich alle Parteien größtenteils normativer - moralischer und rechtlicher - Argumente.
Argumente, die angeführt werden, sind u.a.: Pro: Der moralische Anspruch der Menschenrechte erforderte einen militärischen Einsatz; wir können nicht tatenlos zusehen, wie Menschen ermordet, vertrieben, mißhandelt werden; Deutschland kann verantwortliches Handeln nicht an die anderen Mitgliedsstaaten der Nato delegieren; der militärische Einsatz richtete sich nicht gegen die Zivilbevölkerung. Die Verhandlungen brachten keinen Erfolg. Contra: Die Verhandlungsstrategie war verfehlt; die Allianz handelte ohne UN-Mandat; die Militärschläge waren weder zweckmäßig (negative Nebenfolgen wie menschliches Elend und Destabilisierung) noch verhältnismäßig (Willkür der Angriffsmaschinerie); Krieg entfaltet eine Eigendynamik, die politische Zielsetzungen beeinträchtigt.
Was kann Philosophie zur Klärung dieses Streits beitragen? Sie kann eine kritische Aufdeckung der grundlegenden Auffassungen, die diesen Argumenten (stillschweigend) zugrunde liegen, leisten.
Bezogen auf den Kosovo-Krieg sind es u.a. Fragen der Legitimität allgemeiner normativer Ansprüche und Verpflichtungen sowie Fragen des Verhältnisses von Moral und Recht.
Universalistische Orientierungen - Orientierungen, die allgemeine Geltung beanspruchen - sehen sich dem ideologiekritischen Verdacht ausgesetzt, die partikularen Interessen von Selbstbehauptungssystemen (z.B. die wirtschaftlichen Interessen von Nationen) zu verschleiern. U.a. darauf reagiert Jürgen Habermas mit dem Vorschlag, den moralischen Universalismus (etwa der Menschenrechte) in eine "rechtspazifistische" Politik aufzuheben: Das Völkerrecht soll in ein Recht der Weltbürger, in eine "durchgehend verrechtlichte kosmopolitische Ordnung" transformiert werden. "Die unmittelbare Mitgliedschaft in einer Assoziation von Weltbürgern würde den Staatsbürger auch gegen die Willkür der eigenen Regierung schützen."
Zur Stützung dieses Vorschlags führt Habermas einen systematischen Grund an, der das Verhältnis von Moral und Recht als gegenseitiges (!) Ergänzungsverhältnis bestimmt. Diese Annahme fordert eine kritische Betrachtung heraus.