Grundlagen einer ökologischen Ethik

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Dr. Horst Gronke, Philosophie, Freie Universität Berlin
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2002-01-23 18:15 - 20:00 Uhr

Aus einer historischen Perspektive lassen sich die Umweltbewegungen der westlichen Industrieländer in drei Phasen einteilen

  1. die Phase des traditionellen Naturschutzes Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts
  2. die Phase der Ökologiebewegungen der 1970er und 80er Jahre
  3. die Phase der globalisierten sog. ökologischen "Krise" (Ende der 1980er/ Anfang der 90er Jahre).

Mit der Herausbildung der globalen Ökologie beginnt die dritte Phase der Umweltbewegungen: Neu an dieser Phase ist zum einen die Definition und Vorrangstellung von globalen Umweltproblemen und zum anderen der Versuch, diese Probleme mit einer Vielzahl von Akteuren auf internationaler Ebene zu verhandeln.

Spätestens seit Ende der 80er Jahre wird die ökologische Krise als globale Krise betrachtet, die nicht losgelöst von ihren sozialen und ökonomischen Zusammenhängen betrachtet werden kann. In der Folge wurde mit dem Leitbild "nachhaltige Entwicklung" zumindest der Diskurs über die ökologisch induzierte Notwendigkeit grundlegender gesellschaftlicher und institutioneller Transformationen vorangetrieben. Zugleich wurde die globale Umweltproblematik mit den Konflikten zwischen den nördlichen Industrieländern und den südlichen sog. Entwicklungsländern verknüpft. NGOs waren maßgeblich an der Formulierung dieses Leitbildes beteiligt.

Mit der sozialen Fragestellung der Verteilungsgerechtigkeit ist eine ökologische Fragestellung verknüpft. Sie ergibt sich aus der einfachen Feststellung, dass die Güter, die zwischen den Generationen verteilt werden sollen, im wesentlichen Naturgüter sind. Der technisch-industrielle Zugriff auf diese Naturgüter birgt Gefahren in sich, die Menschen ebenso wie die Natur bedrohen. Dieser Anthropozentrismus in der Ethik ist seit langem umstritten. Dennoch enthält er genügend normatives Potential, um den verantwortlichen Umgang mit sozio-ökologischen Problemlagen und den Wirkungen und Nebenwirkungen der technologisch-industriellen Entwicklung zu gewährleisten. Allerdings deckt er nicht das ganze Spektrum möglichen verantwortlichen Handelns gegenüber der Natur ab. Gibt es Verantwortungspflichten gegenüber der Natur um ihrer selbst willen?

Die häufigsten Antworten, die aus einer nichtanthropozentrischen - physiozentrischen - Perspektive gegeben werden, sind entweder der Pathozentrismus oder der Biozentrismus. Der Biozentrismus z.B. erkennt allem, was der organischen Natur zugehört, einen eigenständigen moralischen Wert zu. Die physiozentrischen Ansätze kommen jedoch nicht um faktiscbe Unterstellungen herum, auf denen sie ihr ganzes System aufbauen. Sie liefern keinen Grund der Verbindlichkeit.

Die diskurspragmatische Ethik zeigt einen Weg, wie diese Begründung geleistet werden kann, paradoxerweise in Anknüpfung an die Einsicht in das Nichtwissen, ob die Natur werthaft ist oder nicht, und in Anknüpfung an unsere vortheoretischen moralischen Intuitionen. Der naturethische Diskursgrundsatz lautet:
Bemühe dich darum, gegenüber der nichtmenschlichen Natur in dem Maße um ihrer selbst willen verantwortlich zu handeln, als kein in einem ernsthaft geführten Diskurs vorgetragenes Argument die allgemein geteilten naturethischen Intuitionen entkräftet.

Aus der Vermittlung der anthropozentrischen mit der rekonstruktiv-intuitionsgebundenen Naturethik ergibt sich der folgende Verantwortungsgrundsatz: Erhalte die Möglichkeiten der Menschen bzw. der Menschheit, ihre Verantwortung für leidens- und bedürfnisfähige Wesen wahrzunehmen, und verbessere sie in dem Maße, wie dadurch die Möglichkeiten der Menschen, ihre Verantwortung für die menschlichen Lebensinteressen wahrzunehmen, nicht vermindert werden!


Moderation: Dietrich Böhler und Micha H. Werner. V. i. S. d. P.: Roland Reich
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2002-01-21