In einem gesunden, demokratisch kontrollierten Rechtsstaat lassen sich die "Menschenrechte" gegen das "Recht des Stärkeren" einigermaßen schützen. Viel schwieriger ist es, die im Völkerrecht vereinbarten "Grundrechte eines Staates" gegen Übergriffe eines anderen, stärkeren Staates zu schützen, besonders wenn es sich bei letzterem um die einzige verbliebene Supermacht der Welt handelt. Hierzu bedarf es noch einer institutionellen Stärkung der UNO.
Für den Eröffnungsvortrag unserer Ringvorlesung in diesem Semester haben wir mit Bernhard Graefrath einen hervorragenden Völkerrechtsexperten gewonnen, der darüber hinaus als Mitglied der UNO-Völkerrechtskommission 1986-91 diplomatische Erfahrungen gesammelt hat, wie wir vielleicht zur Wahrung ethischer Prinzipien in der Politik beitragen können. Er kann uns erklären, wie es historisch zur Entwicklung des Völkerrechts als "Weltfriedensordnung" gekommen ist und was genau in der heutigen Situation im Nahen und im Mittleren Osten durch das Völkerrecht geboten und verboten ist.
Die Erhaltung des internationalen Friedens durch Abschaffung des staatlichen Rechtes zum Führen von Krieg als Mittel der Politik zur Durchsetzung nationaler Interessen war das wichtigste Anliegen des Völkerrechts in der Charta der Vereinten Nationen vom 26.6.1945.
Für dieses Anliegen ist es besonders wichtig, dass die gegensätzlichen Begriffe "Angriff" und "Verteidigung" sprachlich und rechtlich klar unterschieden werden, denn Verteidigung ist legitim, ein Angriff dagegen nicht. Dieses Gegensatzpaar durch den Begriff eines Präventivkrieges aufzuheben, schiebt die Schuld für den in jedem Fall ungerechten Krieg dem Verteidiger zu und würde auf die Dauer das Rechtsgefühl und den Frieden der Menschheit zerstören.
Wer noch weiter auf dieser Erde leben und sie für seine Nachkommen erhalten möchte, muss daher ein Interesse an der Erhaltung und Stärkung des Völkerrechts haben. Das muss bei einigem Nachdenken auch für die amerikanischen Wähler gelten, da militärische Macht die Lebensmöglichkeiten auf der Erde heute nicht mehr dauerhaft schützen, sondern nur zerstören kann. Können wir zu solchem Nachdenken beitragen, bevor es zu spät ist?