Wissenschaft und Wahrheit - Plädoyer für einen erweiterten Wahrheitsbegriff

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Dr. rer. nat. habil. Hans-Jürgen Fischbeck, Studienleiter der Evangelischen Akademie Mülheim
Ort:
Anorganik, Fabeckstr. 34/36, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1998-12-02 18:15 - 20:00 Uhr

Wahrheit ist heute in eine Krise geraten. Postmodern wird gesagt, Wahrheit gäbe es gar nicht, sondern nur Interessen. Dem entspricht ein Zerfall der Vernunft in instrumentelle "Interessenvernünfte".

Zudem ist Wahrheit unter Ideologieverdacht geraten, und es wird empfohlen, auf diesen Begriff zu verzichten und in bezug auf die Wissenschaft lieber von "gesichertem Wissen" zu sprechen.

Könnte es nicht sein, daß die Krise des Wahrheitsbegriffs auch Ausdruck der Krise unserer Kultur, unserer wissenschaftlich-technischen Zivilisation ist, der es an Orientierungswissen gebricht?

Deshalb soll in diesem Vortrag das klassische Paradigma wissenschaftlicher Erkenntnis mit seinem Wahrheitsbegriff der adaequatio intellectus et rei kritisch beleuchtet werden. Die Kritik daran weist hin auf einen mit Empirismus und Objektivismus verbundenen Reduktionismus in der Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Besonders die Wirklichkeiten des Lebens lassen sich nicht allein auf Sachverhalte reduzieren. Sie sind wesentlich auch Beziehungswirklichkeiten in Kommunikationsgemeinschaften. Wenn man von der Wirklichkeit im ganzen mit Geltungsansprüchen sprechen will, die das Wort "Wahrheit" rechtfertigen, so ist dazu ein erweiterter Wahrheitsbegriff erforderlich, der den herkömmlichen gleichwohl umfaßt. Was als wahr gelten soll, muß an Kriterien entscheidbar sein. Auch diese müssen entsprechend erweitert werden. Eine solche Erweiterung des Wahrheitsbegriffs würde zugleich eine Erneuerung mit sich bringen, und er würde von selbst Anwendung finden, wenn denn im Wissenschaftsbetrieb eindringlich, gewissenhaft und interdisziplinär nach der Lebensdienlichkeit der Forschung gefragt und danach Tun und Lassen beurteilt würde. - Solange aber gilt, was ein Immunbiologe kürzlich im SPIEGEL als leitendes Motiv für Forschungshandeln angab, nämlich "Jeder will berühmt und reich werden", ist dies nicht der Fall.


Moderation: Bodo Hamprecht. V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1998-11-26