Wollt Ihr den totalen Markt? - Die Herrschaft des Geldes in der Postmoderne und die globale Krise

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Dr. rer. nat. habil. Hans-Jürgen Fischbeck, Studienleiter an der Evangelischen Akademie Mülheim
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1997-12-10 18:15 - 20:00 Uhr

Zur Einleitung wird unter dem Stichwort "Modernisierung des Kriegens" dargelegt, daß sich in diesem Jahrhundert die Hegemonien dieser Welt vom vorrangig Militärischen zum vorrangig Monetär-Ökonomischen verlagert haben.

Sodann wird begründet, wieso in einem recht zu verstehenden Sinne von totalitären Tendenzen des monetär beherrschten Marktes gesprochen werden kann: Tendenziell alle Bereiche des Lebens werden fremdbestimmten Prinzipien untergeordnet, um (monetäre) Herrschaftsansprüche zu erfüllen. Diese Tendenz stellt sich dar als eine fortschreitende Privatisierung aller, d.h. auch der genuinen Gemeinschaftsgüter des Lebens. Die sich dabei verwirklichenden Herrschaftsansprüche sind die der fortwährenden Mehrung und Zusammenballung von Eigentum als Quelle ökonomischer Macht aufgrund leistungsloser Einkommen, wie sie durch rechtlich definierte Eigentumsstrukturen ermöglicht werden.

Eine solche immer stärker vom Eigentum beherrschte Marktwirtschaft - Ulrich Beck nennt sie "Nur-noch-Eigentümer-Kapitalismus" - weist schwerwiegende Dysfunktionalitäten auf, die notwendig zu einer globalen Instabilitätskrise führen müssen: Sie steht unter Wachstumszwang, verschärft gesetzmäßig die sozialen Gegensätze und verteilt Kaufkraft nicht gemäß der angebotenen und gesellschaftlich nachgefragten Arbeit.

Der tendenziell totalitäre Charakter des monetär beherrschten Marktes hat auch eine ideologische und eine religiöse Seite, die gewissermaßen die Software für die Hardware des wissenschaftlich-technisch-industriellen Komplexes darstellt. Es handelt sich um einen Ideologie-Komplex aus Neoliberalismus, Utilitarismus und Objektivismus. Als in der Postmoderne einzig verbleibender allgemein verbindlicher Wert erlangt Geld quasi-religiösen Rang: Geld beherrscht die Welt und bemißt alle Werte, die dadurch sekundär werden. Dieser Mammonismus wird verbrämt durch den von der Werbewirtschaft erzeugten Animismus einer zu Amuletten und Totems verzauberten Warenwelt, die zum Opium des Volkes geworden ist.

Abschließend wird die fast verzweifelte Frage gestellt, wie man sich als ein auf Geld Angewiesener dennoch dem Götzendienst des Mammons entziehen kann.

Hans-Jürgen Fischbeck

ist promovierter und habilitierter Physiker der Humboldt-Universität. Bis 1991 arbeitete er am Zentralinstitut für Elektronenphysik. Seit 1991 ist er Studienleiter an der Evangelischen Akademie Mülheim/Ruhr. Politisch hat er sich als Mitbegründer der DDR-Bürgerrechtsbewegung "Demokratie Jetzt" profiliert. 1991 gehörte er als Vertreter von Bündnis 90 dem Berliner Abgeordnetenhaus an. Als Beiratsmitglied der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) sowie der Naturwissenschaftler-Initiative Verantwortung für den Frieden ist Fischbeck für das Arbeitsgebiet Wissenschaftsethik, Wissenschaftstheorie und -politik verantwortlich.


Verantwortlich: Dietmar Stehlik.
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