Hans-Peter Dürr hat unserer Ringvorlesung als führender Kopf der deutschen Friedensbewegung schon mehrfach mitreißende Impulse gegeben, zuletzt in seinem Vortrag "Ökologische Herausforderung der Ökonomie" am 1993-01-27.
In seinem heutigen Beitrag zeigt er uns als theoretischer Physiker, welche philosophischen Grundlagen sein Fachgebiet zur allgemeinen Friedenserziehung beitragen kann. Hierzu gehört auch die Überwindung der Trennung von Natur- und Geisteswissenschaften. Mit diesem Anliegen hatte Carl Friedrich von Weizsäcker 1957 die Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) ins Leben gerufen, deren Vorsitzender Hans-Peter Dürr heute ist.
Mit dem heutigen Vortrag setzen wir in unserer Ringvorlesung die philosophische Diskussion des Themas von Bodo Hamprecht vom 2001-01-31 über den Dualismus von Willensfreiheit und Determiniertheit menschlichen Handelns fort. Zugleich ist dieser Vortrag auch eine Vorbereitung auf die philosophischen Vorträge von Frank Hahn am 2001-12-05 und von Hans-Jürgen Fischbeck am 2001-12-12 und am 2002-01-07.
Inwiefern dient unser heutiger Vortrag dem Frieden und der Versöhnung von Natur- und Geisteswissenschaften? Antwort: Indem er die sogenannte "Ontologische Prämisse" der klassischen Physik widerlegt, die sowohl vom Kommunismus als auch vom Kapitalismus für die rücksichtslose Herrschaft eines rein materialistischen Weltbildes ausgenutzt worden war. Merkwürdigerweise waren diese materialistischen Auswüchse am schlimmsten zu einer Zeit, als die ontologische Prämisse durch die Revolution der Quantentheorie eigentlich schon widerlegt war. Aber es dauert manchmal lange, bis philosophische Erkenntnisse ihre Konsequenzen in der Politik finden.
Die "ontologische Prämisse" der klassischen Physik des 19. Jahrhunderts bestand darin, dass es eine unabhängig vom menschlichen Betrachter existierende, "an sich seiende", objektive Realität gäbe. Dazu gehörte ein unabhängig von der Materie existierender, unendlich ausgedehnter dreidimensionaler Raum und eine unabhängig von der Materie von minus unendlich bis plus unendlich ablaufende Zeit. Vor allem aber gehörte zu dieser Prämisse eine aus unveränderlichen Atomen aufgebaute Materie, in der alles Geschehen durch die aus der makroskopischen Mechanik bekannten Naturgesetze der Kausalität eindeutig determiniert sei, wie das dem "gesunden Menschenverstand" entsprach.
Diese Überzeugung ist durch die sensationellen Entdeckungen der Physik des 20. Jahrhunderts erschüttert worden:
1. Die Begriffe "Raum" und "Zeit" sind überhaupt nicht definierbar ohne Materie, die sich darin bewegt!
2. Die Beobachtung, dass sich ein Lichtsignal sowohl gegenüber dem Lichtsender als such gegenüber einem Empfänger mit der gleichen Lichtgeschwindigkeit such dann bewegt, wenn Sender und Empfänger gegeneinander bewegt sind, führt in der Relativitätstheorie zu der für den gesunden Menschenverstand schmerzhaften Konsequenz, dass in bewegten Systemen Strecken verkürzt erscheinen und Uhren langsamer gehen.
3. Der Welle-Teilchen-Dualismus führte nach anfänglichem, quälendem Streit zu der Erkenntnis, dass entgegengesetzte Modelle der Natur, die sich nach dem gesunden Menschenverstand eigentlich ausschließen, trotzdem gleichzeitig "wahr" sein können. Denn was wir von den diesen Bildern zugrundeliegenden, dokumentierten Beobachtungen in mathematischen Formeln ausdrücken, führt zu einer geschlossenen, experimentell bestätigten Theorie.
Dazu gehört, dass ein scheinbar selbstverständlicher Begriff wie der Ort eines Elektrons zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht nur nicht genau messbar ist, sondern prinzipiell unscharf ist, wobei die Größe dieser Unschärfe davon abhängt, wie genau ein Experimentator gleichzeitig die Geschwindigkeit (und damit den Impuls) des Elektrons zu messen versucht.
4. Ferner zeigte sich, dass die Atome nicht kompakt sind, sondern größtenteils aus Vakuum bestehen, und dass auch die Atomkerne nicht unveränderlich existieren, sondern zerplatzen können oder spaltbar sind, wobei Masse verschwindet und Strahlungsenergie freigesetzt wird.
Es gab also plötzlich keine unabhängig vom menschlichen Betrachter existierende, "an sich seiende", objektive Realität mehr, was die führenden Physiker zur Anerkennung der Begrenztheit ihres Wissens und zu entsprechender Bescheidenheit erzogen hat.
Wesentlich ist dabei die Erkenntnis, dass naturwissenschaftlich objektivierbare Wahrheit nicht die einzige Art von Wahrheit ist, sondern dass es such subjektiv erfahrbare Wahrheiten gibt. Diese liegen in einer anderen Ebene und sind in der Sprache (d.h. mit den Definitionen) der Naturwissenschaft nicht vollständig beschreibbar.
Daher sind diese Wahrheiten prinzipiell nicht naturwissenschaftlich beweisbar, aber auch nicht widerlegbar. Für unser menschliches Leben sind sie aber mindestens ebenso wichtig wie naturwissenschaftliche Erkenntnisse.