Erfahrungen im Widerstand gegen Hitler

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Aus den Erinnerungen von
Dr. Marion Gräfin Dönhoff (DIE ZEIT, Hamburg) liest Prof. Dr. Roland Reich
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1999-12-15 18:15 - 20:00 Uhr

nach dem Buch

"Um der Ehre willen" - Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli

als btb-Taschenbuch 1996: ISBN 3-442-72009-5

Marion Dönhoffs "Erinnerungen an die Freunde vom 20. Juli" sind einzigartig und unvergleichlich - erzählen sie doch in ganz persönlicher Weise vom deutschen Widerstand gegen Hitler. Die junge Marion Dönhoff, die schon in den dreißiger Jahren in der Schweiz bei Edgar Salin studiert hatte, um dem Klima des Dritten Reiches zu entgehen, war einbezogen in die Entwicklung, die zum 20. Juli führte, jenem "Aufstand des Gewissens", zu dem sich höchste Diplomaten, führende Militärs, Geistliche beider Konfessionen und Arbeiterführer über alle trennenden Grenzen hinweg zusammenfanden, um mitten im Krieg die eigene Staatsführung durch ein Attentat zu beseitigen. Marion Dönhoff zeichnet in ihrem Buch Bilder der Freunde, die ihr besonders nahestanden und mit denen sie über viele Jahre lang verbunden gewesen ist. So sind diese Erinnerungen Geschichtsschreibung und persönliches Zeugnis zugleich.

Ausschnitte aus dem Nachwort (S. 170 ff.)

Der Vorwurf von Unwissenden, an die Adresse der Verschwörer gerichtet, lautet heute: Erst als der Krieg verloren war, habt ihr euch entschlossen, etwas zu unternehmen. Grundfalsch! Ganz im Gegenteil wurde alles versucht, den Krieg zu verhindern. Der Chef des Generalstabes General Ludwig Beck hat im Sommer 1938 versucht, die Generale zu bewegen, einen gemeinsamen Schritt bei Hitler zu unternehmen und wenn notwendig geschlossen zurückzutreten. Schon damals war alles zum Staatsstreich bereit - damals dachte man noch nicht an ein Attentat, sondern an einen Staatsstreich, bei dem Hitler gefangengenommen, vor Gericht gestellt und mit seinen Verbrechen konfrontiert werden sollte ...

Alles war sehr gründlich vorbereitet: die militärpolizeilichen Maßnahmen, um die Hauptstadt unter Kontrolle zu bringen, wie auch die Besetzung der Rundfunkstationen. Voraussetzung waren nur noch die Kriegserklärungen Frankreichs und Englands als Antwort auf Hitlers drohenden Einmarsch in die Tschechoslowakei. ... Da kam die Meldung von der für den nächsten Tag in München anberaumten und von Mussolini vermittelten Konferenz, zu der Daladier und Chamberlain persönlich erscheinen wollten.

Sowohl die Westmächte als auch Hitler lenkten ein. Die Westmächte gestanden Hitler sein brutales Einmarschbegehren zu, Hitler aber verzichtete für den Augenblick darauf, durch provozierte Gegenwehr oder auch durch inszenierte Zwischenfälle Gelegenheit zur "Zerschlagung" der ganzen Tschechoslowakei zu erzwingen.

Die Kriegsgefahr jedenfalls war für diesmal beseitigt. Dem aussichtsreichen Versuch, Hitler zu stürzen, war damit die Grundlage entzogen, die vorbereiteten Maßnahmen gelangten nicht zur Ausführung. Der britische Botschafter Henderson schrieb am 6. Oktober 1938 an den Außenminister Lord Halifax: "By keeping the peace, we have saved Hitler and his Regime."

Ausschnitte aus der Vorgeschichte (S. 28 ff.)

S. 28: Immer wieder vor und während des Krieges haben die Verschwörer Kontakte mit den westlichen Alliierten aufgenommen, auch mit Amerika; aber auch in Washington blieb die Regierung dabei, keinen Unterschied zwischen Deutschen und Nazis zu machen, obgleich dies für die Opposition von allergrößter Wichtigkeit gewesen wäre. Wider besseres Wissen wurde auch von den Amerikanern die Lüge aufrechterhalten, es gäbe keinen deutschen Widerstand und kein anderes Deutschland als das des Dritten Reiches - alle Deutschen seien Nazis. ...

S. 30: Offenbar wollten die Alliierten verhindern, daß Hitler durch Aktion der Deutschen gestürzt würde. ...

Am Abend des 20. Juli schloß Washington sich dann der Interpretation Adolf Hitlers an, indem der Sprecher des Präsidenten jene offizielle Lüge von der "kleinen Clique ehrgeiziger Offiziere" wiederholte. Unverständlich bleibt auch Churchill, der am 2. August 1944 im Unterhaus erklärte, es handele sich bei den Vorgängen des 20. Juli lediglich "um Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reichs". Vermutlich wollte Churchill nicht nur Hitler erledigen, sondern ein für allemal die Macht der Deutschen brechen. ...

S. 32: Wie hätte wohl unter solchen innen- und außenpolitischen Voraussetzungen die Dimension jener Ereignisse in ihrer ganzen Tiefe dem Volk deutlich werden und in seiner Seele Wurzeln schlagen können? Dabei handelte es sich um das größte Opfer, das jemals führende Vertreter irgendeiner Nation um der Moral, des Rechts und der Freiheit willen erbracht haben. Niemand kann sich heute vorstellen, was es bedeutete, sein Vaterland zu lieben und dennoch seine Niederlage zu wünschen.

Hatte zunächst Hitlers Terror verhindert, daß sich Informationen über das, was am 20. Juli wirklich geschehen war, in der Bevölkerung verbreiteten, so waren es danach die Alliierten, die dafür sorgten, daß der 20. Juli keinen Platz im Herzen der Bürger fand. Damals aber hätte das von den Siegern besetzte, verängstigte Volk eine Anerkennung deutschen Widerstandes durch die Alliierten gierig aufgegriffen, und den Hingerichteten wäre vermutlich die allgemeine Verehrung sicher gewesen. Auch hätte dies ein sehr geeignetes Thema für die "Reeducation" sein können. ...

S. 45: Keiner, der nicht das Leben in einem totalitären Regime erlebt hat, kann sich vorstellen, welcher Nervenanspannung die aktiven Verschwörer über Jahre ausgesetzt waren. Nicht nur die schwer lastende Verantwortung für Gelingen oder Mißlingen, also für Rettung oder Untergang Deutschlands, auch die Sorge, was ihrer Familie zustoßen werde, wenn das Unternehmen vorzeitig entdeckt würde, war eine schwere Belastung. Es war wirklich der "Aufstand des Gewissens" in Deutschland, auch wenn Churchill von Ausrottungskämpfen unter den Würdenträgern des Dritten Reiches sprach und die "New York Times" die Vorstellung von einer finsteren Verbrecherwelt zu erwecken suchte. Dennoch: Die Tatsache, daß ein so einzigartiger Aufstand des Gewissens nicht tiefer in das Bewußtsein der Deutschen eingesickert ist, bleibt - auch wenn dies erklärbar ist - immer noch unbegreiflich.

Genauso unbegreiflich war ja auch die Machtergreifung des Nationalsozialismus gewesen, ausgerechnet in dem Land, das Immanuel Kants Heimat war, wo Goethe, Leibniz und Humboldt gelebt haben, in dem Marx, Einstein und Freud wirkten - jene drei, die die Welt im 20. Jahrhundert mehr beeinflußt haben als viele andere. Wie war es möglich, daß dieses Land, welches lange Zeit als das geistige Laboratorium Europas galt, eine Beute jener primitiven Ideologie geworden ist?

Es war möglich, weil das Verbrecherische an dem System von der Mehrzahl des Volkes zunächst überhaupt nicht wahrgenommen wurde und weil die propagierten Ziele so ideal erschienen, daß sich viele der Bewegung mit Begeisterung anschlossen: Endlich ging es wieder voran, Autobahnen wurden gebaut und Wohnungen, die Besetzung des Rheinlands durch die Siegermächte aufgehoben, Österreich und das Sudetenland "heim ins Reich" geführt. Die Kette der Erfolge riß nicht ab, und der Terror nahm ständig zu. ...

S. 51: Erfolg und Terror, diese Kombination war es, durch die Hitler zunächst gegen jeden Widerspruch gefeit war. Denn das zeigte sich: Kaum war er am 30. Januar 1933 an die Macht gekommen, wurde Terror entfesselt. Schon fünf Tage später, am 4. Februar, wurde eine Verordnung erlassen, die ein Versammlungs- und Presseverbot ermöglichte. Am 28. Februar - einen Tag nach dem Reichstagsbrand - wurden Grundrechte außer Kraft gesetzt, alle kommunistischen Abgeordneten und Funktionäre verhaftet und der Apparat der KPD zerschlagen. Am 23. März folgte dann das Ermächtigungsgesetz, das die Diktatur legalisierte. So konnte Goebbels bereits im März 1933 erklären: "Heute sind wir die Herren Deutschlands, und an dieser Tatsache wird sich auch nichts mehr ändern." Es folgten die Auflösung und Enteignung der Gewerkschaften und bald darauf das Verbot aller Parteien, außer der NSDAP.

S. 53: Die wenigsten Menschen haben übrigens bemerkt, daß im ersten Jahr der Hitler-Herrschaft bereits dreißig Konzentrationslager errichtet worden sind, in denen fast ausnahmslos Deutsche inhaftiert waren.


Moderation: Horst Gronke. V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1999-12-14