Geld, Macht und die menschliche Psyche

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Dr. med. et phil. Gerhard Danzer, Privatdozent f. Psychosomatik u. medizinische Anthropologie, Charité, Humboldt-Universität Berlin
Ort:
Kristallographie, Takustr. 6, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2002-12-04 18:15 - 20:00 Uhr

In der vorigen Woche hat Johannes Heinrichs in unserer Ringvorlesung bereits deutlich gemacht, dass die im Vortrag von Bernd Senf geforderte Befreiung des Geldes vom Zins eine zwar notwendige, aber für sich allein noch nicht hinreichende Vorbedingung für die Heilung unserer kranken Gesellschaft darstellt. Über die materiell-wirtschaftliche Ebene hinaus gibt es nämlich weitere notwendige Bedingungen in einer sozial-mitmenschlichen Ebene. Dazu wird uns der leitende Oberarzt der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Charité Gerhard Danzer jetzt zeigen, dass seine Fachgebiete zum Thema "Geld" noch zusätzliche, faszinierende psychologische und philosophische Zusammenhänge beitragen können.

Bereits Sigmund Freud als Begründer der Psychoanalyse hat als Ziel der Entwicklung und Erziehung des Menschen das Heranreifen zur Arbeits- und Liebesfähigkeit herausgestellt. Die Erziehung soll dahingehend wirken, dass der Mensch die niederen Werte des Habens, Behaltens und Sammelns durch die hohen Werte des Liebens und Geliebtwerdens, der Kulturleistung und der Persönlichkeitsentfaltung ersetzt. Damit haben Freud und seine Schüler in ihre Entwicklungspsychologie implizit eine Ethik eingefügt, was Freud ursprünglich (entsprechend der naturwissenschaftlichen Sichtweise in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) hatte vermeiden wollen. Aber wer Psychologie treibt, kann die Nähe zu den Geistes- und Kulturwissenschaften wie auch zur Philosophie nie vermeiden. Denn das Menschsein ist kein bloßes Faktum, sondern auch ein ethisches Desiderat (kein bloßes Sein, sondern auch ein Sollen). Psychologie ohne Ethik ist daher eine halbe Angelegenheit. (Im 20. Jahrhundert sind übrigens auch führende Naturwissenschaftler wie Carl Friedrich von Weizsäcker von dem Anspruch des 19. Jahrhunderts abgerückt, dass die ganze Wahrheit alles Seienden im Prinzip vollständig durch die Naturwissenschaft erfasst werden könnte.)

Die "Herrschaft des Geldes" entwickelte sich in Europa allmählich seit dem 14. und 15. Jahrhundert, verbunden mit neuartigen Produktionsmethoden, Kapitalansammlungen und Konzepten von Wirtschaft und Gesellschaft. Der kaufmännische Geist unterwarf fast alles dem Zählen, Wägen, Rechnen. Ähnliches gilt von der Entwicklung von Naturwissenschaft und Technik, deren Siegeszug mit dem des Kapitalismus eng verbunden ist. Allmählich wurde der europäische Mensch verändert: Er lernte im Wettbewerb bestehen und sah sein Glück im geschäftlichen Erfolg. Religiöse Wandlungen im Calvinismus unterstützten diese Einstellung: Wirtschaftliche Erfolge wurden als göttlicher Gnadenbeweis betrachtet, Verelendung und Armut dagegen als Strafe für Sünde und Schuld. So sah sich der Kapitalist in seinen rücksichtslosen Ausbeutungsmethoden bestätigt.

Eine Revolte dagegen entstand erst im Marxismus des 19. Jahrhunderts: Geld sei der Gott oder Götze der modernen Welt geworden! Karl Marx setzte seine Hoffnung auf totale Umgestaltung der Gesellschaft entsprechend den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Eine solche Utopie erwartete er von der Einführung des Kommunismus. Heute wissen wir, dass Marx und seine Fortsetzer sich die Sache zu einfach vorgestellt haben, Die meisten kommunistischen Staaten sind zusammengebrochen und haben ein ökonomisches, soziales und kulturelles Chaos hinterlassen.

Wir müssen das Problem "Geld, Humanität und menschliche Psyche" neu durchdenken. Dazu bauen wir auf der Individualpsychologie von Alfred Adler (1870 - 1937) auf. Diese Lehre entstand als erstes Konkurrenzsystem zu der Psychoanalyse von Freud, bei dem Adler von 1902 bis 1911 in die Schule gegangen war. Von Nietzsche hat Adler übernommen, dass das menschliche Seelenleben dauernd danach strebt, ein Gefühl des Eigenwerts aufrecht zu erhalten. Bei günstiger Sozialisierung werden Selbstwert und Selbstachtung durch soziale Beitragsleistung ermöglicht. Unter unguten Bedingungen jedoch entartet das Kompensationsstreben zu asozialen Überlegenheitsbedürfnissen, wobei Macht und Herrschaft über andere die Stimme der eigenen Unsicherheit übertönen sollen.

In der seelisch kranken Kultur wird nach Adler fast jeder Mensch dazu inspiriert, seine Ziele auf Selbsterhöhung unter Beeinträchtigung anderer auszurichten. Wir sind alle vom Bazillus der Machtgier infiziert. Das erkennen wir auch in kollektiven Tragödien wie einer egoistischen Wirtschaft, nationaler, religiöser und rassischer Überheblichkeit, Aufrüstung und Krieg.

Strebt ein Mensch aus der Ohnmacht seiner Kindheit heraus, dann sucht er in unserer heutigen Kultur bzw. Unkultur nach Überlegenheit in Form von Besitz, Rang und Macht. Das bequemste (und scheinbar ganz unschuldige) Machtmittel ist das Geld: Jedem positiven Geldvermögen, das sich ohne weiteres Zutun seines Besitzers durch Zinseszins immer schneller vermehrt, stehen in gleicher Höhe negative Geldvermögen (d.h. Schulden) der Kreditnehmer gegenüber. Kann ein Kreditnehmer nicht mehr zahlen, gibt das Gesetz dem Kreditgeber die Macht, dem "Schuldner" alles wegzunehmen, was dieser an "Sicherheiten" besitzt, und das noch mit bestem Gewissen, denn es ist ja "legal"!

Es ist unglaublich, wie das Geld- und Besitzdenken die Menschlichkeit überall "vor die Hunde gehen" lässt. Die Sklaverei wurde zwar vor ca. 150 Jahren nominell abgeschafft, aber sie existiert noch als Geldsklaverei in der ganzen Welt, wo mehr als ein Drittel der Menschheit nur mit dem Existenzminimum auskommen muss und großenteils hungert und verhungert.

Im letzten Teil seines Vortrags betrachtet Gerhard Danzer interessante historische Beiträge der Philosophie: Eine ethische Klärung des Geld- und Machtkomplexes könnte zumindest einen Teil der Zeitgenossen dazu ermutigen, über die bestehende Wirtschafts- und Kultursituation hinaus zu wachsen.

Danzer geht davon aus, dass unser Verhältnis zum Geld Züge von "Wahnsinn" enthält. Als "wahnsinnig" bezeichnen Psychiater einen Menschen, der Halluzinationen und wahnhafte Verkennungen erlebt. Dieser Realitätsverlust steht im Zusammenhang mit einem Abbau der Ich-Funktionen. Die moderne Philosophie sagt, dass eine funktionierende Wahrnehmung nur dann gegeben ist, wenn das betreffende Individuum ein intaktes Werte-Empfinden besitzt. Nach Max Scheler (1874-1928) nimmt man nur wahr, was man als Wert erkennt. Wenn in einem Menschen eine Wertblindheit eintritt, erlischt sein Realitätsgefühl. Er sieht sich einer leeren Welt gegenüber, die er möglicherweise mit seinen Halluzinationen und Wahngedanken bevölkert. - Werte erkennt man nach Scheler nur mit dem Gefühl. Wertverlust ist daher verbunden mit einem Absterben der Gefühle. Daher kann ein Wahn nur geheilt werden, wenn Gefühle wieder erwachen, d.h. wenn die Person wieder Hoffnung und Lebensmut gewinnt. So ist es für den Menschen lebenswichtig, sich bezüglich der Werte und ihrer Rangordnung richtig zu verhalten. Wer sein Leben auf wertwidrige Ziele ausrichtet oder nur niedrige Werte verfolgt, steht mit einem Bein in der psychischen Krankheit. Hohe Werte sind nach Scheler: Liebe, Solidarität, Mitleid, Vernunft, Selbstverwirklichung und Freiheit der Person.

Wahnhaft sind Menschen nicht nur wegen organischer Schäden, sondern auch wegen Einengung ihres Werthorizontes, wenn sie hartnäckig die höheren Werte ausblenden und sich nur auf niedere Werte fixieren. Spinoza (1633-1677) nennt in seiner "Ethik" (1678) auch solche Menschen "wahnsinnig". die ihren dürftigen Leidenschaften ausgeliefert sind: "... Wenn der Habsüchtige an nichts anderes denkt als an Gewinn oder Geld, der Ehrgeizige an Ruhm usw., so werden diese nicht für wahnsinnig gehalten, da sie ... eher für hassenswert gelten. In Wahrheit aber sind Habsucht, Ehrgeiz usw. Arten des Wahnsinns, mögen sie auch nicht zu den Krankheiten gezählt werden".

Irresein und ethisches Versagen erweisen sich demnach als zwei Seiten einer Münze. Den gleichen Standpunkt vertritt auch Immanuel Kant, wenn er Achtung der Menschenwürde als vernünftiges Verhalten gegenüber den Mitmenschen beurteilt, während er ein "Traktieren von Menschen als niedere Sachwerte" (d.h. zweckhaftes Verwenden und ihre Einschätzung als bloßer Nutzwert) als "völlig abnorm" einstuft. Genau das tut aber unser Wirtschafts- und Geldsystem! Dieses bleibt daher nach Kant weit hinter den sittlichen Normen des Menschseins zurück.

In die gleiche Reihe stellte sich Erich Fromm mit seiner Kritk des "homo consumens", den er als "Prototyp des kapitalistischen Zeitalters" kritisierte. Dieser sage nicht mehr wie Descartes "ich denke, also bin ich" sondern "ich konsumiere, also bin ich".

Wir definieren "seelisch-geistige Gesundheit" als "umfassende Erfahrung des Reichs der Werte" und emotionaler Verankerung in ihm. Wertverlust oder Wertblindheit wird für uns zu einem psychopathologischen Faktum. Der Mensch wird gemütskrank, wenn er nicht auf die Realisierung höherer Werte hinlebt. Die Werte sind vergleichbar mit der Sonne in der physischen Welt; so wie eine Sonnenfinsternis die Realwelt verdunkelt, wird auch die Wertarmut zu einer Verfinsterung der ideellen und emotionalen Welt.

Man kann durchaus mit einer solchen Wertblindheit leben bzw. vegetieren. Ja, solche seelenblinden Menschen können unter Umständen in unserer pervertierten Gesellschaft enorm erfolgreich und effizient sein. Da sie nicht durch emotionale Lebensprobleme in ihren Aktivitäten gebremst sind, setzen sie sich für ihre armseligen Ziele und Zwecke mit ungebrochener Energie ein. Kein Zweifel, dass unter den großen Managern und Wirtschaftsexponenten, den höheren Militärs, den gewissenlosen Politikern und anderen Machthabern die wertblinden Persönlichkeiten nicht gering an Zahl sind. Da ihre Gefolgsleute ebenfalls an Wertblindheit leiden, können diese "Führer" ihre ungeheuerlichen Projekte in die Tat umsetzen. Aber pathologisch ist all dies im schlimmsten Ausmaß, ja geradezu menschenunwürdig.

Nach Nicolai Hartmann (1882-1950) ist der Mensch (wie auch Kant sagte) Bürger zweier Welten. Er lebt in der Realwelt der an-sich-seienden Dinge, d.h. der Dinge, die auch ohne uns Menschen ihre volle Existenz haben. Sodann hat er durch seine Vernunft und seine Gefühlssphäre einen Ein- und Aufblick in die ideale Welt der Werte und Ideen. Auch letztere würden ohne den Menschen ihre Geltung bewahren, aber allein durch ihn können sie erfahren und in den spröden Stoff der Wirklichkeit eingearbeitet werden. Das ist die sozusagen kosmische Funktion der Menschheit. Wir kennen kein anderes vernünftiges Wesen, das wertfühlend und wertsichtig ist und dementsprechend das Reale durch das Ideale bereichern und ergänzen kann.

DANZER Gerhard, Privatdozent, Dr. med. et phil., geb. 1956 in Passau. Studium der Medizin an der Universität Kiel; 1984 Promotion im Fach Medizin. Studium der Psychologie an der Freien Universität Berlin; 1990 Promotion im Fach Psychologie. Facharzt für Innere und für Psychotherapeutische Medizin; seit 1992 leitender Oberarzt an der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Charité an der Humboldt-Universität zu Berlin, 1995 Habilitation für Psychosomatik und Medizinische Anthropologie. 1997 Gastprofessur an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich. Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher aus den Bereichen der Tiefenpsychologie, Psychosomatik, Anthropologie und Literaturpsychologie.


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