Wirtschaftliche Systemzwänge als Hintergrund von Rüstung, Krieg - und Terror

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referent:
Helmut Creutz, Wirtschaftsanalytiker, Aachen
Ort:
Chemiegebäude Takustr.3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2001-10-31 18:15 - 20:00 Uhr

Grundlage dieses Vortrags ist der Artikel von Helmut Creutz "Wirtschaftliche Triebkräfte von Rüstung und Krieg" aus der Zeitschrift für Sozialökonomie vom Februar 2001. Dieser Text ist auch für wirtschaftliche Laien sehr verständlich und klar formuliert.

In diesem Artikel wird das erstaunliche Versagen der Politik seit Ende des Kalten Krieges vor fast allen in unserer Ringvorlesung diskutierten, höchst unterschiedlichen Problemen überzeugend auf eine gemeinsame Ursache zurückgeführt: Die wirtschaftlichen Zwänge des kapitalistischen Zinssystems.

Auf die Bedrohung unserer Demokratie durch die Währungsunion wurden wir in unserer Ringvorlesung durch einen Vortrag von Bruno Bandulet am 19.11.1997 aufmerksam gemacht. Im Oktober 1998 trugen auch die "Euro-Kläger" Karl Albrecht Schachtschneider und Wilhelm Hanke1 bei uns vor. Wir waren bestürzt über die zu erwartende Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit. (Diese wurde von Borchert am 24.10.01 bereits bestätigt.)

In Vorträgen von Hans-Jürgen Fischbeck am 10.12.1997 und von Bernd Senf am 16.11.1999 wurden wir auch über die verhängnisvolle Wirkung des Zinssystems durch Spaltung der Welt in Arme und Reiche aufgeklärt.

Seit diesen interessanten Vorträgen hat uns das Thema "Geld" nicht mehr losgelassen, obwohl dieses Thema über unsere ursprünglich rein naturwissenschaftlichen Kompetenzen hinausgeht. Es zeigt sich aber immer mehr, dass dieses Thema von zentraler Bedeutung ist, wenn wir dem ursprünglichen Anliegen unserer Ringvorlesung gerecht werden wollen.

Dieses Anliegen war die Erhaltung von Frieden, Umwelt, sozialer Gerechtigkeit, demokratischer Freiheit und - allgemein - die Erhaltung der Lebensmöglichkeiten auf unserer Erde.

Dass das Zinssystem auch die entscheidende Triebkraft für Rüstung und Kriege ist und dass es daher ohne Überwindung dieses Systems keinen dauerhaften Frieden auf der Welt geben kann, wurde mir erst bei der Lektüre des obigen Artikels von Helmut Creutz klar. Früher hätte ich das für kommunistische Propaganda gehalten.

Das im Kosovo-Krieg schmerzlich dokumentierte Verhalten westlicher Regierungen, mögliche Wege zur Vermeidung von Krieg bewusst auszuschlagen, erscheint durch die von Creutz dargestellten wirtschaftlichen Systemzwänge zwar nicht moralisch entschuldbar, aber für mich zum ersten Mal wenigstens logisch nachvollziehbar. Eine solche emotionsfreie Analyse scheint mir eine wichtige Vorbedingung für die Lösung des Problems zu sein, falls eine Lösung überhaupt demokratisch durchsetzbar ist.

Aber nicht nur das selbstzerstörerische Verhalten westlicher Regierungen muss in die Analyse einbezogen werden, sondern auch das Verhalten der sozial benachteiligten Bevölkerungsmehrheiten in der ersten, zweiten und dritten Welt, das dem Terrorismus als Nährboden dient. Für diese alarmierende Erkenntnis scheint mir das Bewusstsein der Öffentlichkeit allmählich reif zu werden.

Da sich Zinsen nur in Phasen wirtschaftlichen Wachstums erwirtschaften lassen, so ist die Absenkung des Zinssatzes auf nahe Null proportional mit der früher oder später ökologisch absolut unvermeidbaren Absenkung des Wirtschaftswachstums auf Null nach Helmut Creutz eine notwendige Voraussetzung nicht nur für die Erhaltung sozialer Gerechtigkeit, sondern auch für die Erhaltung des Friedens, der Umwelt, der Demokratie und damit für die Lösung fast aller Probleme, mit denen wir uns seit 17 Jahren in unserer Ringvorlesung beschäftigen.

Dass das allmähliche Einmünden der Wirtschaft in einen stationären Zustand konstanter Wirtschaftsleistung (also Nullwachstum) für die Erhaltung des Lebens auf der Erde tatsächlich unabdingbare Voraussetzung ist, wird von den meisten Politikern und Wirtschaftlern heute noch nicht eingesehen bzw. verdrängt.

Diese Verdrängung hat unter anderem folgende psychologische Ursache: Sehr viele Menschen assoziieren mit dem Wort "Nullwachstum" soviel wie "Absterben".

In der Biologie ist es ja auch tatsächlich so, dass alle Pflanzen als Einzelindividuen wachsen, solange sie leben. Nullwachstum bedeutet hier also Tod.

Mit dem Leben einer Population oder eines Volkes verhält es sich aber ganz anders (ebenso wie bei der Wirtschaft): Solange die äußeren Lebensbedingungen sich nicht ändern, könnte ein Volk bei konstanter Größe, also ohne Wachstum, immer weiter leben, auch wenn die einzelnen Individuen nach Ablauf ihrer Lebenszeit sterben müssen (das ist sogar notwendige Voraussetzung für das Weiterleben des Volkes).

Auch die Menschheit als Ganzes brauchte, wenn sie sich vernünftig verhielte (und sich nicht immer weiter vermehrte), eigentlich nicht zu sterben - zumindest hätte sie damit noch Zeit, solange die Sonne unsere Erde mit Energie versorgt (d.h. noch 5 Milliarden Jahre). Der Umweltverbrauch müsste bei dieser konstanten Wirtschaftsleistung auf das begrenzt werden, was durch die Sonneneinstrahlung laufend regenerierbar ist. (Näheres im Vortrag von Hermann Scheer am 19.12.2001.)

Man kann daher nicht deutlich genug darauf hinweisen, dass das ökologisch unabdingbare Absenken des Wirtschaftswachstums auf null keineswegs bedeutet, dass auch die Wirtschaftsleistung auf null sinken sollte (was in der Tat ein Absterben bedeuten würde). Sondern Nullwachstum der Wirtschaft bedeutet konstante Wirtschaftsleistung, also Leben!


Moderation: Elmar Altvater. V. i. S. d. P.: Roland Reich
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2001-10-30