Quo vadis deutsche Forschungspolitik? - Mehr Freiheit? - Mehr Verantwortung?

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Referentin:
Edelgard Bulmahn, MdB, forschungspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 1997-11-05 18:15 - 20:00 Uhr

Technologiepolitik ist Gesellschaftspolitik, denn mehr denn je entscheiden Wissenschaft und Technik, die Zielsetzung, mit der sie entwickelt werden, und die Art und Weise, in der sie umgesetzt werden, mit über die Entfaltungs- und Selbstverwirklichungsmöglichkeiten des einzelnen, über die Qualität von Leben, Arbeiten und Wohnen, über die Lebenschancen der kommenden Generationen.

Wissenschaft und Technik haben in den vergangenen 200 Jahren in den westlichen Industriestaaten zu einer ungeahnten Entfaltung der Produktivkräfte, zu einem bisher unbekannten Ausmaß an materiellem Wohlstand geführt. Dennoch hat sich die Hoffnung, derzufolge die wissenschaftlich-technologische Entwicklung gesellschaftlichen Fortschritt garantiere, als trügerisch erwiesen. Wissenschaft und Technik haben ihre Unschuld, ihren Glorienschein verloren. Erstmals in der Menschheitsgeschichte sind wir imstande, mit den von uns selbst geschaffenen Waffenarsenalen menschliches Leben insgesamt auszulöschen. Erstmals sind wir mit gentechnischen Methoden in der Lage, die Natur selbst, den Menschen selbst, zu verändern und umzukonstruieren. Erstmals sind wir dabei, mit der hemmungslosen Nutzung unserer technischen Möglichkeiten die Lebensmöglichkeiten auf unserem Planeten insgesamt in Frage zu stellen.

Technik hat eine neue Qualität gewonnen. Sie zeichnet sich durch Universalität, eine breite Einwirkungstiefe in unterschiedlichen Branchen und gesellschaftlich-politischen Lebensbereichen aus. Technologische Entwicklungsprozesse haben sich einerseits hinsichtlich des Zeitraums von der Entwicklung bis zur Anwendung wie auch hinsichtlich ihrer Ausbreitungsgeschwindigkeit enorm beschleunigt, andererseits weisen sie Folgen von zunehmender zeitlicher Dauer auf. Technische Systeme sind in wachsendem Umfang fehlerunfreundlich und störanfällig. Zugleich sind sie infolge ihrer Komplexität, ihrer oft fehlenden Rückholbarkeit und der Tatsache, daß sich Wirkungen und Folgen in vermehrtem Umfang nicht mehr direkt wahrnehmen lassen, immer schwerer zu kontrollieren und zu beherrschen.

Die Forschungspolitik muß einen entscheidenden Beitrag zur Zukunftsgestaltung und zur Zukunftssicherung für kommende Generationen leisten. Zusammen mit der Bildungs-, Wirtschafts- und Umweltpolitik ist sie zugleich Grundpfeiler einer modernen Industriepolitik, die eine ökologische Modernisierung der europäischen Volkswirtschaften unterstützt und langfristig wettbewerbsfähige Arbeitsplätze schafft.

Das vor uns liegende 21. Jahrhundert löst Befürchtungen und Hoffnungen aus. Befürchtungen vor ökologischen Katastrophen, vor Arbeitslosigkeit, Bürgerkriegen und hungernden Menschen in der Dritten Welt und auch in Europa. Forschung, Wissenschaft und Technik, die Enkel der Aufklärung, lassen aber auch eine andere Vision zu. Die Vision einer Welt, in der Armut und Krankheit eingedämmt und lebensbedrohende Konflikte und Umweltzerstörungen überwunden werden.

Welchen Beitrag kann Forschungs- und Technologiepolitik zur Lösung der wesentlichen Zukunftsfragen leisten? Wie können die begrenzten Forschungs- und Fördermittel am effektivsten eingesetzt werden? Welche Instrumente sind wie einsetzbar? In welchen Feldern können wir die nötigen neuen Arbeitsplätze schaffen? Wie sehen die Rahmenbedingungen hierzu aus?


Verantwortlich: Angelika Brinkmann.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1997-10-23