Akuter Anlass für diese Frage ist die "Bioethik"diskussion über die Molekularbiologie des Menschen. Einige Beispiele zeigen, dass diese Diskussion die Form eines echten Konfliktes annimmt.
Schwieriger ist es zu zeigen, worin die Dissenspunkte eigentlich bestehen, denn erkennbar sind sich die Diskussionspartner völlig einig in der Grundsatzfrage, dass echtes Klonen von Menschen verboten sein soll. Außerdem zeigen die Entschlüsselung des menschlichen Genoms und der Übergang vom Genom zum Proteom, dass es unmöglich ist, durch Eingriffe in das Genom einen gezielt geplanten Menschen zu erzeugen.
Noch schwieriger ist es, die dem Konflikt zugrundeliegenden Missverständnisse zu erläutern. Am Beispiel der Begriffe "Klonen", "Beginn des menschlichen Lebens", "Individualität" und "Würde" sowie ihrer biologischen Korrelate werden irreführende und z.T. direkt wahrheitswidrige Darstellungen biologischer Fakten in den Medien im Vortrag korrigiert. Zugleich wird gezeigt, wie der Versuch, ethische Wertungen direkt auf biologische Fakten zu beziehen, in die Irre führt.
Ursache des scheinbaren Konfliktes ist ein doppelter Verstoß gegen die wissenschaftsimmanente Ethik:
Das eine ist ein Verstoß gegen das Gebot der selbstkritischen Prüfung des Aussagenbereiches der angewendeten Methoden: Mit den Methoden der Biologie, der Beobachtung von körperlichen Strukturen und stofflichen Vorgängen, kann eine ethische Qualität wie "Würde" nicht erfasst und nicht bewiesen werden.
Das andere ist ein Verstoß gegen das Gebot "intellektueller Redlichkeit" bei der genauen und vollständigen Übermittlung wissenschaftlicher Ergebnisse in der Öffentlichkeit. Dieser Verstoß wird verständlich aus dem natürlichen Bestreben der Publizistik, aufsehenerregend zu berichten.
Wegen der zunehmenden Bedeutung naturwissenschaftlicher Forschungsergebnisse für alle menschlichen Lebensbereiche wird der sachgerechte Umgang damit zu einer zentralen Forderung für die Zukunft. Die Ergebnisse der Gendiskussion werden ihren Ausdruck in der Gesetzgebung finden, die mit derjenigen anderer Länder harmonisiert sein muss.
Langfristig bedeutsamer sind die allgemeineren Beziehungen zwischen Biologie und Ethik:
Einerseits sind die Verhaltensdispositionen des Menschen, seine "gefühlsmäßige" Beurteilung von "gut" und "böse", Ergebnisse der biologischen und der kulturellen Evolution. Vieles lässt sich von den Faktoren und Bedingungen dieser Evolution her verständlich machen, insbesondere das Gruppen- und Konfliktverhalten. Verständlich ist auch die Tatsache, dass die Folgerungen aus biologischen Ergebnissen für den Menschen von diesem ungern zur Kenntnis genommen werden. Daraus resultiert eine Tendenz, die engen Beziehungen zu anderen Lebewesen zu ignorieren.
Andererseits sind es gerade diese Folgerungen aus biologischen Ergebnissen, die zur Grundlage einer von der Vernunft diktierten Ethik werden müssen, wenn katastrophale Auswirkungen für die Lebensmöglichkeiten auf der Erde verhindert werden sollen. Das entscheidende Problem ist, dass diese von der Vernunft diktierte Ethik mit den ererbten Verhaltensdispositionen des Menschen kollidieren kann. Zu diesem Problembereich gehören die demographischen Entwicklungen und der Umgang des Menschen mit seiner Umwelt und seinen Mitlebewesen. Die von Albert Schweitzer postulierte Ethik der "Ehrfurcht vor dem Leben" könnte der Forderung nach einer allgemeinen, alle Länder und Religionen übergreifenden "Weltethik" gerecht werden.