Karl-Otto Apels rationale Begründung einer intersubjektiv verbindlichen Ethik durch diskursive Konsensbildung

Ringvorlesung Energie - Umwelt - Gesellschaft

Einleitung:
Prof. Dr. Roland Reich
Referent:
Jens Peter Brune, MA phil.
Ort:
Chemiegebäude Takustr. 3, Hörsaal
Zeit:
Mittwoch, 2001-01-10 18:15 - 20:00 Uhr

Bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde an den Frankfurter Philosophen Prof. Dr. Karl-Otto Apel am 11. Juli 2000 in der FU Berlin wurde deutlich, daß Apels rationale Begründung einer intersubjektiv gültigen Ethik solidarischer Verantwortung durch diskursive Konsensbildung eine dringend notwendige philosophische Grundlage zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme darstellt, mit denen wir uns in unserer Ringvorlesung seit Jahren beschäftigen.

Die Aktualität von Apels Arbeiten wird unterstrichen durch den Vortrag von Wolfgang Liebert am 15.11.2000 und durch die anschließende VDW-Tagung vom 16.-18.11.2000 in Berlin, in der die angebliche Wertfreiheit der Naturwissenschaften kritisch hinterfragt und als nützliche Zweckideologie der Marktwirtschaft zum Freihalten der Forschung von moralischen Skrupeln entlarvt wurde.

Während der Begriff der Vernunft in der deutschen Sprache seit Kant und Hegel eigentlich auch subjektive Lebenserfahrungen und ethisch-moralische Werte mit umfaßte, gebrauchen die meisten späteren Philosophen dagegen das Wort "Vernunft" synonym mit "Rationalität" und verstehen darunter ausschließlich die logische Behandlung objektivierbarer Sachverhalte. Den Begriff "Moral" verweisen sie dagegen in den Bereich des Irrationalen, der ausschließlich Privatsache sei. Darum werfen sie Kant zu Unrecht wegen seines Versuchs einer Begründung der Moral aus der Vernunft einen "naturalistischen Fehlschluß" vor.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht erscheint selbstverständlich, daß die Logik (ebenso wie die Mathematik als effektivste Form der Logik) nur ein "Handwerkszeug" darstellt, eine Art "Computer", der für sich allein zu den wichtigen Fragen des Lebens sowieso keine Aussage machen kann. Sondern um zu Aussagen über die Natur zu gelangen, muß man in den "Computer" zunächst irgendwelche Aussagen als "Ausgangsmaterial" eingeben, die man entweder aus Beobachtungen der Natur ableiten oder als "Axiome" oder "Glaubenssätze" willkürlich postulieren kann.

Solange man sich bei diesen eingegebenen Axiomen auf prinzipiell "objektivierbare" (d.h. mit physikalischen Meßinstrumenten registrierbare) Sachverhalte beschränkt, können die daraus vom Computer abgeleiteten Aussagen natürlich auch wieder nur objektivierbare Sachverhalte und keine (jenseits der Physik liegenden) moralischen Normen sein. Es ist aber nicht einzusehen, warum man in unseren rationalen Logik-Computer als Axiome nicht auch beliebige andere, intersubjektiv vorhandene Glaubenssätze, gefühlsmäßig begründete Postulate oder juristische Gesetze eingeben dürfte, um daraus zwar nicht objektiv, aber immerhin (für die Gemeinschaft aller diesen Glaubenssätzen zustimmenden Diskussionspartner) intersubjektiv gültige Aussagen von unserem Logik-Computer zu erhalten, die dann auch ethische Werte einschließen.

Wenn die gemeinsamen Glaubenssätze außerhalb oder "jenseits der Physik" liegen, ist das kein Hinderungsgrund, sie einzugeben, denn das ist auch bei juristischen Gesetzen der Fall, und es würde sicher niemand behaupten, daß z.B. juristische Probleme sich einer logisch-rationalen Behandlung entziehen!

Karl-Otto Apels Suhrkamp-Taschenbuch "Diskurs und Verantwortung - Das Problem des Übergangs zur postkonventionellen Moral" enthält eine Reihe von Vorträgen, in denen seine Philosophie (z.T. auch für Laien) sehr verständlich dargestellt wird. In dem Vortrag "Die Situation des Menschen als ethisches Problem" (S. 42-68) hat Apel überzeugend dargelegt, daß die im westlichen Denken heute vorherrschende Komplementarität von "wertneutraler" Rationalität im öffentlichen Bereich von Politik, Recht und Wissenschaft und irrationaler Wahl letzter Wertungsaxiome im rein privaten Bereich einerseits auf einem Denkfehler beruht, andererseits für die Menschheit verhängnisvoll ist, weil die mit zunehmender Zentralisierung, Monopolisierung und Globalisierung immer notwendiger werdende Organisation der moralischen Verantwortung für die Folgen kollektiver Handlungen der Menschheit durch diesen Denkfehler blockiert wird. (Das von Apel eingeführte, etwas bescheidenere Wort "intersubjektiv" anstelle von "objektiv" ist sehr geschickt gewählt, um den Vertretern der Komplementarität den Wind aus den Segeln zu nehmen.)

Für die Rettung der Menschheit kommt es daher jetzt darauf an, daß Apels Gedanken nicht nur in philosophischen Fachkreisen diskutiert werden, sondern in einer möglichst breiten Öffentlichkeit, insbesondere auch unter Naturwissenschaftlern, Journalisten und Politikern. Vielleicht können wir mit unserer Ringvorlesung dazu einen kleinen Beitrag leisten.


Diskussionsleitung: Horst Gronke
V.i.S.d.P.: Roland Reich.
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 2001-01-10