Chemiedatenbanken: kein Buch mit sieben Siegeln

abgedruckt in:
Nachr. Chem. Tech. Lab. 42 (11), 1128-1134 (1994)

Das weltweite Wissen in der Chemie explodiert. Fast 13 Millionen chemischer Verbindungen sind mittlerweile bekannt; jährlich kommen rund 600.000 neue hinzu. Diese Informationsflut ist nur noch mit Hilfe elektronischer Datenbanken zu bewältigen. Die GDCh setzt seit dem 1. Juli 1994 mit finanzieller Unterstützung des BMFT das Verbundprojekt "Ausbildung aller Hochschulabsolventen chemischer Fachrichtungen als Endnutzer elektronischer Fachinformation und Ergebnistransfer in die Industrie" (kurz: "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken") um, über das hier berichtet werden soll.

1. Einleitung

Mit dem Projekt "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken" wird das Ziel verfolgt, die Online-Nutzung externer Datenbanken im Bereich der Chemie für Endnutzer zu etablieren, zu stabilisieren und zum selbstverständlichen Bestandteil des methodisch-wissenschaftlichen Instrumentariums zu machen. Der BMFT hat in den vergangenen Jahren wichtige Schwerpunkte bei der Förderung der Produktion elektronischer Datenbanken gesetzt, wovon die Chemie in großem Maße profitiert hat. Wenn die Akzeptanz dieser Fachinformation bisher noch zu wünschen übrig ließ, kann mit der Endnutzerförderung diesem Mangel nicht nur an Hochschulen begegnet werden, sondern auch Industrie und Wirtschaft mit akzeptabler zeitlicher Perspektive geschultes Personal zur arbeitsplatznahen Informationsbeschaffung zur Verfügung gestellt werden. Die Nutzung elektronischer Datenbanken durch den Wissenschaftler selbst, das Endnutzerkonzept, ist in vielen Fällen effektiver als die Inanspruchnahme einer Informationsvermittlungsstelle. Diese Meinung wird aufgrund der hochgradig spezifischen Informationsprobleme und der Komplexität des Retrievals in der Chemieinformation auch von Informationsvermittlern vertreten. Als "Endnutzer" sehen wir hier den Personenkreis der Doktoranden, Diplomanden und des wissenschaftlichen Personals. Dieser Endnutzer kennt und stellt sein Informationsproblem selbst, recherchiert die benötigten Informationen in Datenbanken, bewertet diese Informationen und verarbeitet sie weiter. Die Gesellschaft Deutscher Chemiker zählt nach ihrer im Jahre 1992 geänderten Satzung auch die Förderung von modernen Informationssystemen zu ihren Aufgaben. Die GDCh nimmt die Gesamtleitung und Steuerung des Verbundprojekts "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken" wahr. Sie unterstützt den Projektnehmer bei der Antragstellung und bei der Durchführung des Projekts.

Im folgenden werden die Randbedingungen, Inhalte und Ziele des Projekts näher beschrieben.

2. Laufzeit

01. 11. 1993 - 30. 06. 1994 (Vorphase, GDCh)
01. 07. 1994 - 30. 06. 1997 (Hauptphase)
01. 07. 1997 - 31. 12. 1997 (Nachphase, GDCh)

3. Finanzierung

Gesamtvolumen:
17.923.042 DM
Zuwendung:
9.813.271 DM
Förderquote:
54,8 %
Eigenmittel:
8.109.771 DM

4. Zielgruppen

Die Fachbereiche Chemie der Universitäten in Heidelberg, Karlsruhe, Regensburg, München, Essen, Bayreuth und Clausthal-Zellerfeld beteiligen sich aus unterschiedlichen Gründen nicht am Projekt. Eine Übersicht über die teilnehmenden Fachbereiche ist in der Tabelle zu finden.

Teilnehmer am Projekt "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken"

Hochschule
Struktureinheit
Projektleiter

Baden-Württemberg

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
Fakultät für Chemie und Pharmazie
Prof. Dr. G. Thiele
Universität Konstanz
Fakultät für Chemie
Prof. Dr. G. Müller
Universität Stuttgart
Fakultät 3 - Chemie
Prof. Dr. H. Bertagnolli
Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Fakultät für Chemie und Pharmazie
Prof. Dr. G. Gauglitz
Universität Ulm
Fakultät für Naturwissenschaften / Fach Chemie
Prof. Dr. W. Witschel

Bayern

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Naturwissenschaftliche Fakultät II
Priv.-Doz. Dr. R. Herges
Technische Universität München
Fakultät für Chemie, Biologie und Geowissenschaften
Priv.-Doz. Dr. J. Brandt
Georg-Simon-Ohm Fachhochschule Nürnberg
Fachbereich Technische Chemie
Dipl.-Ing. P. Mittermeier
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Fakultät für Chemie und Pharmazie
Prof. Dr. J. Grotemeier

Berlin

Freie Universität Berlin
Fachbereich Chemie
Priv.-Doz. Dr. B. Kirste
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Chemie
Dr. M. Schönherr
Technische Universität Berlin
Fachbereich 5 - Chemie
Prof. Dr. W. Koch

Brandenburg

Universität Potsdam
Mathematisch - Naturwissenschaftliche Fakultät
Dr. G. Gottlöber

Bremen

Universität Bremen
Fachbereich 2 - Chemie / Biologie
Prof. Dr. F.-P. Montforts

Hamburg

Universität Hamburg
Fachbereich Chemie
Prof. Dr. B. Meyer

Hessen

Technische Hochschule Darmstadt
Fachbereich 7 - Chemie
Prof. Dr. P. C. Schmidt
Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt (M)
Fachbereich 14 - Chemie und Fachbereich 15 - Biochemie, Pharmazie und Lebensmittelchemie
Prof. Dr. D. Rehm
Justus-Liebig-Universität Gießen
Fachbereich 14 - Chemie
Prof. Dr. J. Ipaktschi
Universität - Gesamthochschule - Kassel
Fachbereich 19 - Chemie / Biologie
Priv.-Doz Dr. I. Stahl
Philipps-Universität Marburg
Fachbereiche Chemie und Physikalische Chemie
Prof. Dr. G. Frenking
Philipps-Universität Marburg
Fachbereich Pharmazie und Lebensmittelchemie
Dr. T. Kämpchen

Mecklenburg-Vorpommern

Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Fachbereich Chemie
Prof. Dr. D. Haberland, Dr. L. Schwarz
Universität Rostock
Fachbereich Chemie
Prof. Dr. H. Oehme, Dr. R. Wustrack

Niedersachsen

TU Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Fachbereich 3 - Chemie, Pharmazie und Biowissenschaften
Prof. Dr. D. Schinzer
Fachhochschule Ostfriesland
Fachbereich Naturwissenschaftliche Technik
Prof. Dr. W. Gombler
Georg-August-Universität Göttingen
Fachbereich Chemie
Prof. Dr. A. de Meijere, Dr. B. Knieriem
Universität Hannover
Fachbereich Chemie
Prof. Dr. H. Duddeck
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Fachbereich 9 - Chemie
Prof. Dr. G. Kaupp, Prof. Dr. J. Metzger
Universität Osnabrück
Fachbereich 5 - Chemie / Biologie
Prof. Dr. R. Blachnik

Nordrhein-Westfalen

RWTH Aachen
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät, Fachgruppe Chemie
Prof. Dr. H. Höcker
Universität Bielefeld
Fakultät für Chemie
Prof. Dr. H.-F. Grützmacher
Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Chemie
Prof. Dr. W. Sander, Dr. R. Siegfried
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Fachgruppe Chemie
Prof. Dr. H. Wamhoff
Universität Dortmund
Fachbereich Chemie
Prof. Dr. P. Bleckmann
Universität - Gesamthochschule - Duisburg
Fachbereich 6 - Chemie
Prof. Dr. D. Döpp
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Fachgruppe Chemie
Prof. Dr. W. Kläui
Universität zu Köln
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät / Fachgruppe Chemie
Prof. Dr. U. Deiters
Fachhochschule Niederrhein
Fachbereich Chemie
Prof. Dr. W. Becker
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Fachbereich 17 - Chemie
Prof. Dr. H. Züchner
Fachhochschule Münster
Fachbereich Chemieingenieurwesen
Prof. Dr. C. Bliefert, Prof. Dr. K. Niederdrenk
Universität - Gesamthochschule - Paderborn
Fachbereich 13 - Chemie u. Chemietechnik
Prof. Dr. G. Fels
Universität - Gesamthochschule - Siegen
Fachbereich 8 - Chemie / Biologie
Dr. W. Demuth
Bergische Universität - Gesamthochschule - Wuppertal
Fachbereich 9 - Chemie
Prof. Dr. H.-J. Altenbach

Rheinland-Pfalz

Universität Kaiserslautern
Fachbereich Chemie
Prof. Dr. H. Bockhorn
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Fachbereich 19 - Chemie und Pharmazie
Prof. Dr. H. Meier

Saarland

Universität des Saarlandes
Fachbereich 11 - Chemie
Prof. Dr. H.-P. Beck
Universität des Saarlandes
Fachbereich 12 - Pharmazie und Umwelttechnologie
Prof. Dr. R. W. Hartmann

Sachsen

Technische Universität Chemnitz-Zwickau
Fakultät für Naturwissenschaften / Bereich Chemie
Prof. Dr. G. Marx
Technische Universität Dresden
Fachrichtung Chemie und Lebensmittelchemie
Prof. Dr. R. Salzer, Dr. habil. Habicher
Hochschule für Technik und Wirtschaft (FH)
Fachbereich Maschinenbau / Verfahrenstechnik; Studiengang Chemieingenieurwesen / Umwelttechnik
Prof. Dr. E. Hermann, Prof. Dr. S. Focke
TU Bergakademie Freiberg
Fakultät für Chemie und Physik
Prof. Dr. M. Otto
Universität Leipzig
Fakultät für Chemie und Mineralogie
Prof. Dr. G. Werner, Dr. J. Böhm

Sachsen-Anhalt

Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Fachbereich Chemie
Doz. Dr. R. Friedemann
Fachhochschule Merseburg
Fachbereich Chemie- und Umweltingenieurwesen
Prof. Dr. H. Hartmann

Schleswig-Holstein

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät - Sektion Chemie / Pharmazie
Prof. Dr. W. Friedrichsen, Dr. K. Bluhm

Thüringen

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Chemisch - Geowissenschaftliche Fakultät
Dr. B. Nestler
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Biologisch - Pharmazeutische Fakultät
Dr. I. Weiß

5. Projektpartner

6. Ziele

7. Aufgaben der Projektleitung

Die Aufgaben der Projektleitung liegen nach der Anlage des Verbundprojekts in vier Bereichen:

7.1. Projektmanagement

Das Projektmanagement hat insgesamt die Kontakte zu den Hochschulen zu pflegen, das Schulungskonzept durchzusetzen, die Qualität der externen und internen Schulungen zu kontrollieren und zu bewerten und die Nutzung der Datenbanken zu evaluieren. Es wird die Fachbereiche beim Softwareerwerb beraten und unterstützen und bei auftretenden Hardwareproblemen (z. B. Netzanbindung) die notwendige Hilfe vermitteln. Das Projektmanagement wird die geplanten Workshops inhaltlich und organisatorisch vorbereiten, die Anträge und Verträge der Fachbereiche aus- und bearbeiten und mit den Datenbankherstellern und dem Hostbetreiber in ständigem Kontakt stehen, um auch ein Angebot für die Fachbereiche nach Ende des Projekts zu vermitteln. Eine weitere Aufgabe besteht in der Erfassung, Auswertung und Weiterleitung der eingehenden Daten an die Fachbereiche. Das Projektmanagement wirbt im Rahmen des Projekts für die Nutzung der deutschen Datenbanken und gibt den Datenbankherstellern, Softwareproduzenten und Verlagen die Möglichkeit, sich auf Veranstaltungen im Rahmen des Projekts "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken" zu präsentieren.

7.2. Schulung

7.2.1. Ziele der Schulungsmaßnahmen

Für den Komplex Schulungen innerhalb des Projekts "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken" ergeben sich die nachstehenden Zielstellungen:

Die Vermittlung von Kenntnissen über den Aufbau von Datenbanken sowie der notwendigen Retrievalsprachen. Dieses Wissen bildet die Voraussetzung zur Suche in den Datenbanken. Es ermöglicht auch, sich in unbekannten Files zurechtzufinden und eigene Datenbanken aufzubauen.

Die präzise Formulierung des Rechercheproblems und Ableitung der am schnellsten zum gewünschten Ziel führenden Suchstrategie. Die Wichtigkeit dieses Punktes ergibt sich aus der Struktur der anfallenden Recherchekosten und dem Wunsch, ein umfassendes und vor allem, ein vollständiges Ergebnis zu bekommen.

Die Aneignung von Kenntnissen über die für den Chemiker interessanten, verfügbaren Datenbanken und der daraus resultierenden Auswahl des relevanten Files. Dadurch soll initiiert werden, daß der Wissenschaftler nicht die Datenbank wählt, in der er mit großer Wahrscheinlichkeit etwas findet (ein Verhalten, das z. Z. noch in relativ hohem Maße die Suchstrategie bestimmt), sondern diejenige, die die gesuchten Informationen enthält.

Die Möglichkeiten zur Kostenminimierung bei der Online-Recherche. Hier kann aber nur ein Stand der Dinge vermittelt werden, da es von der Preispolitik der Hosts und Datenbankproduzenten abhängt, wann z.B. welche Display-Formate preisreduziert oder kostenlos sind. Man kann den zu Schulenden aber dafür sensibilisieren, so daß er auch später weiß, in welche Richtung er sich informieren muß.

Der Aufbau eigener, persönlicher Datenbanken. Es kommt hier darauf an, daß die Lehrgangsteilnehmer mit der gewonnenen Information auch nach deren unmittelbarer Auswertung bzw. Verwertung ökonomisch umgehen, d. h. das Wissen darf nicht verloren gehen, sondern muß auch für spätere Problemlösungen greifbar sein. Damit eng im Zusammenhang steht allgemein die Aufbereitung und Pflege von aus verschiedenen Quellen (Datenbanken, Forschungsarbeit, gedruckte Informationsquellen usw.) gewonnenen Daten.

Die Ausbildung von qualifiziertem, internem Schulungspersonal in den Fachbereichen. Dieses Schulungsziel ist von besonderer Bedeutung, da es auf lange Sicht nur dann möglich ist, die Kontinuität der Maßnahmen auch über das Projektende hinaus zu wahren, wenn die Fachbereiche in der Projektlaufzeit befähigt werden, die Schulungen mit eigenen Mitteln und mit eigenem Personal fortzuführen.

Wie weiter oben erwähnt, ist der erreichte Stand auch in bezug auf die Ausbildung der Studenten in der Online-Datenbankrecherche an den einzelnen Fachbereichen recht unterschiedlich. Darum wird eine Wichtung der genannten Schwerpunkte in Abhängigkeit von den konkreten Bedingungen in der Lehreinrichtung notwendig und auch möglich sein.

7.2.2. Zielgruppen und zeitliches Konzept

Als Endnutzer im oben genannten Sinne kommen an den Fachbereichen bzw. Fakultäten für Chemie die folgenden Personenkreise in Frage:

a) die Diplomanden
b) die Doktoranden und
c) das festangestellte wissenschaftliche Personal.

Mit einer kurzfristigen Einbindung der im Projekt verfolgten Ziele in die Ausbildung der Studenten kann auf Grund der Zuständigkeit der Bundesländer für die Lehrpläne an den deutschen Hochschulen nicht gerechnet werden. Nur in Ausnahmefällen ist dies möglich, wenn durch entsprechend starke Protagonisten der elektronischen Informationsbeschaffung die Einbindung in die Lehrpläne bereits erfolgt ist oder aber angestrebt wird. In den ersten Projektjahren muß deshalb davon ausgegangen werden, daß die Schulungsmaßnahmen in den laufenden Studienbetrieb eingeschoben werden müssen bzw. aufgesetzt werden und darüber hinaus diese auf fakultativer Basis den Studenten als Zusatzangebot zur "Weiterbildung" unterbreitet werden. Die bisherigen Gespräche haben aber gezeigt, daß das Interesse bei den Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern sehr groß ist.

Um den geschilderten Umständen gerecht zu werden, wird das in Abb. 1 skizzierte zeitliche Konzept verfolgt. Begonnen werden sollte nach Möglichkeit (sofern nicht die Studienpläne bzw. andere fachbereichsspezifische Gründe dagegen sprechen) mit den Doktoranden im zweiten Jahr der Promotionsarbeit. Folgende Gründe sprechen dafür:

a) Eine Unterbringung der Maßnahmen in den laufenden Studienbetrieb ist bei ihnen am einfachsten, da sich eine Änderung in ihrem Ausbildungsprogramm auf unterer Ebene (Institut / Arbeitsgruppe) organisieren und absprechen läßt.
b) Durch den relativ nahen Eintritt ins Berufsleben ist gewährleistet, daß die weiterführenden Ziele der GDCh ("Rückkopplung" aus der Industrie, d. h. Abforderung der Kenntnisse in der Literaturrecherche in elektronischen Medien) relativ früh zum Tragen kommen können.
c) Es wird eine Minimierung der "Schulungsverluste" erreicht; der überwiegende Anteil der jetzt in der Ausbildung befindlichen Studenten bzw. Doktoranden wird erfaßt. Eine generelle Einbeziehung der Doktoranden im letzten Jahr der Promotion erscheint wenig sinnvoll, da diese sicherlich mit der Abfassung ihrer Dissertation bzw. abschließenden Arbeiten beschäftigt sind. Wenn im Einzelfall der Wunsch bestehen sollte, so können natürlich auch diese Doktoranden in die Ausbildung integriert werden.
d) Doktoranden im zweiten Jahr der Promotionsarbeit können die neu erworbenen Kenntnisse noch in ihrer verbleibenden Zeitspanne an der Hochschule in der Forschung verwenden.

Zu den Doktoranden kommen pro Studienjahr und Fachbereich noch durchschnittlich 5-10 weitere Kursteilnehmer aus dem Kreis des festangestellten wissenschaftlichen Personals hinzu. Sie sollen als Multiplikatoren an den Fachbereichen wirken und auf mittelfristiger Ebene die Schulung in vollem Umfang selbst durchführen.

Im Laufe des Projekts werden, in Abhängigkeit von den Kapazitäten, neben den verbleibenden Doktoranden in immer stärkeren Maße die Diplomanden einbezogen (siehe Abb. 1), bis die Schulungsinhalte im Idealfall in den Semestern vor der Diplomphase (S44) in einer zweckerfüllenden Art und Weise in die Ausbildung der Chemiestudenten fest eingebunden sind, damit die Vorzüge der elektronischen Informationsbeschaffung schon im Studium zum Tragen kommen können. Dieses Ziel wird an allen Fachbereichen nicht in der gleichen Zeitspanne zu erreichen sein, da hier die momentan herrschenden bzw. erreichten Bedingungen von eminenter Bedeutung sind. Deshalb darf der Zeitplan nicht als starres Schema angesehen werden, sondern muß für jeden Fachbereich spezifiziert werden. Wichtig ist auf jeden Fall, daß die Kontinuität der Ausbildung nach Projektabschluß gewahrt wird.

(Abb. 1: Zeitliches Konzept der Endnutzerschulung; z.Zt. nicht verfügbar)

7.2.3. Inhaltliche Konzeption der Schulung

Der Schulungsblock von 10 Tagen wird in verschiedene Abschnitte unterteilt. Zwischen diesen Abschnitten werden die Kursteilnehmer Zeit und Gelegenheit erhalten, um das Gelernte zu verarbeiten und um üben zu können. Die Dauer dieser Zwischenphasen hängt neben den terminlichen Bedingungen von Seiten der Lehrkräfte natürlich auch vom Studienplan an den Hochschulen, der Verfügbarkeit von Schulungsräumen (in der Regel sollen die Schulungen in den an den Hochschulen vorhandenen Rechnerpools erfolgen) und anderen Dingen ab. Auch hier ist eine hohe Flexibilität des Konzepts gefragt. Zur allgemeinen Formulierung des Schulungsziels sei an dieser Stelle Herr E. Zaß von der ETH Zürich zitiert: "Das Ausbildungsziel sind nicht spezialisierte Rechercheure, sondern Chemiker, die einen kritischen Überblick über alle Methoden und Medien haben, die Recherchen selbst durchgeführt haben, und deshalb mit zusätzlichen Schulungen in der Lage sind, solche später auch routinemäßig durchzuführen; Chemiker, die Vielfalt und Problematik des Informationsangebots erlebt haben und auch wissen, wann sie einen Spezialisten zuziehen müssen, dem sie dann ein kompetenter Partner bei der Recherche sein können." In diesem Sinne ist das Schulungskonzept angelegt. Im einzelnen sind die folgenden Themenkomplexe geplant:

Abschnitt A
Thema:
Softwareschulung
Dauer:
2 Tage; möglichst vor Beginn der Schulungen an den Fachbereichen
Zielgruppe:
zukünftige Multiplikatoren und, je nach Bedarf, die Softwareexperten des Fachbereichs (insgesamt max. 10 Personen)
Inhalt:
STN-Express und das STN Personal File System (je einen Tag)
Diese Schulungen werden ausschließlich von den Fachleuten des FIZ Karlsruhe durchgeführt und sollen gewährleisten, daß es im Verlauf der Schulungsmaßnahmen kompetente Ansprechpartner im FB in bezug auf die genannte Software gibt, die auch in der Lage sind, kleinere Probleme bei der Nutzung zu lösen.

Abschnitt B
Thema:
Grundlagen der Recherche in elektronischen Medien
Dauer:
1 bis 2 Tage
Zielgruppe:
für die Schulung vorgesehener Teilnehmerkreis (Doktoranden, festangestelltes wissenschaftliches Personal und, je nach Kapazitäten und Interesse, Diplomanden)
Inhalt:
Grundbegriffe der elektronischen Informationsvermittlung (Aufbau- und Typen von Online-Datenbanken, Datenbankenhosts, Anbieter, Hersteller usw.); Kosten von Recherchen und technische Voraussetzungen; Retrievalsprache Messenger; Demonstration der Rechercheplanung und -durchführung; Kurzvorstellung spezieller Kommunikations- und Datenbankensoftware für Recherche und Verwaltung der Ergebnisse; CD-ROM-Systeme; Online-Hilfesysteme und deren Verwendung; praktische Übungen an einfachen Beispielen.

Abschnitt C
Thema:
Spezieller Komplex zu den im Schulungspaket angebotenen Chemiedatenbanken mit Schwerpunktsetzung in Bezug auf die Datenbankenauswahl (z.B. nach Forschungsschwerpunkten)
Dauer:
5 bis 6 Tage (pro Datenbank durchschnittlich 1 Tag)
Zielgruppe:
für die Schulung vorgesehener Teilnehmerkreis (Doktoranden, festangestelltes wissenschaftliches Personal und, je nach Kapazitäten und Interesse, Diplomanden)
Inhalt:
Tiefergehende Vorstellung und Erläuterung der Besonderheiten ausgewählter Datenbanken aus dem Paket (BEILSTEIN, CEABA, CHEMINFORM RX, DETHERM, GMELIN, KKF, POLYMAT, SILICA, SPECINFO, TRIBO, VTB); Struktur- und Faktenretrieval; Festigung des im ersten Abschnitt erlangten Grundwissens und weitere Vertiefung der Kenntnisse an Hand dieser Datenbanken; Crossover Recherchen; Online-Support; Kostenverfolgung und Einsparpotentiale (Gebührenstrukturen bei Kommunikationsnetzen und Datenbanken); Praktische Übungen mit Bezug auf die eigene Forschungsarbeit der Lehrgangsteilnehmer.

Abschnitt D
Thema:
Patentwesen und Patentinformation
Dauer:
2 bis 3 Tage
Zielgruppe:
für die Schulung vorgesehener Teilnehmerkreis (Doktoranden, festangestelltes wissenschaftliches Personal und, je nach Kapazitäten und Interesse, Diplomanden)
Inhalt:
Grundbegriffe des Patentwesens (Patentrecht, Gliederung der Patentschriften, Patentklassifikation); Inhalte und Strukturen von Patentdatenbanken; Patentanalyse; Formen der Patentrecherchen (Namensrecherchen, Recherchen zum Stand der Technik, Patentüberwachung usw.); Übungen zur Thematik (CD-ROM; LWPI)

Abschnitt E
Thema:
Expertenkurse
Dauer:
vom Thema abhängig
Zielgruppe:
Multiplikatoren aus den Reihen des festangestellten wissenschaftlichen Personals
Inhalt:
Teilnahme an Kursen zur Weiterbildung und Auffrischung der Kenntnisse der internen Schulungskräfte bei kommerziellen Schulungsanbietern.

Die vorgeschlagenen Zeiträume von 6 bis 8 Wochen zwischen den einzelnen Abschnitten sind kein starres Dogma und können bzw. müssen sogar an die Bedingungen der Fachbereiche angepaßt werden.

Auch für die Schulungsinhalte gilt: Je nach Stand der Fachbereiche in der Frage der Ausbildung der Studenten in der Informationsbeschaffung mit Hilfe von Online-Datenbanken können in den Komplexen bestimmte Schwerpunkte gesetzt werden. So liegt es auf der Hand, daß man sich in relativ weit fortgeschrittenen Fachbereichen nicht mit den Grundlagen lange aufhält, sondern z. B. stärkere Akzente auf die Patendatenbanken o. ä. setzt.

7.3. Wissenschaftliche Begleitung

Mit der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken" durch das Projektmanagement soll die quantitative und qualitative Beeinflussung der Forschung durch die Nutzung elektronischer Fachinformation und umgekehrt die Rückwirkung der Forschung auf die elektronische Fachinformation ermittelt werden. Dabei müssen zum Teil neuartige Fragestellungen zur quantitativen und qualitativen Erfassung von Forschungsleistung, Forschungsart und Informationsfluß behandelt werden, über deren Erfolg noch keine Aussage möglich ist. Insbesondere sind folgende Fragestellungen zu klären:

Wie ändert sich das Nutzungsverhalten für die einzelnen Datenbanken?
Speziell interessiert hier das Verhältnis von CAS-Online zu den deutschen Datenbanken im Forschungsprozeß.

Wird mit der Nutzung elektronischer Fachinformation durch den Forschenden tatsächlich eine Effektivitätssteigerung erreicht und der Forschungsprozeß beschleunigt?
Diese Fragestellung erscheint trivial, da in der Regel von einer Bejahung ausgegangen wird. Ziel soll es daher sein, allgemeingültige Kriterien zur Beurteilung und Bewertung zu formulieren, die die Effektivitätssteigerung eindeutig nachweisen (Meßbarkeit der Beschleunigung des Forschungsprozesses).

Wird durch die Möglichkeit auf einen massenhaften Informationszugriff die Art der Forschung verändert?
Diese Fragestellung liegt nahe, da die Information andersartig (umfassender, vollständiger) ist.

Wird dadurch auch die Art der Forschung besser (umfassender)?
Diese Frage ist sehr interessant. Allerdings dürfte ihre Beantwortung auch sehr schwierig sein (Problem der Meßbarkeit).

Werden durch den massenhaften Zugriff auf elektronische Fachinformation die Diskussionen der Forschenden über fachliche Probleme quantitativ und qualitativ beeinflußt?
Diese Fragestellung erscheint besonders unter dem Aspekt des wissenschaftlichen Meinungsstreits unter den Studenten interessant.

Kann die richtige Art der Schulung dazu führen, daß mögliche Anwendungsbezüge der Forschung besser gesehen werden?
Kann man die spezielle Suche nach Anwendungsmöglichkeiten der erhaltenen Forschungsergebnisse in den Datenbanken bewirken?

Die Beantwortung der genannten Fragestellungen ist nicht trivial, da es für die Evaluierung von Forschungsleistung, Forschungsart und Informationsfluß durch die Nutzung von Datenbanken keine triviale Methodik gibt. Ziel ist es, über eine genaue Erhebung und statistische Auswertung der Datenbanknutzung und eine (möglicherweise modellhafte) Befragung zum Recherchezweck obige Fragestellungen zu beantworten. Hierbei sind alle Informationsquellen (FIZe, Fachbereiche, Datenbankproduzenten) zu nutzen, um möglichst vollständiges Zahlenmaterial und allseitige Informationen zu erhalten.

Naturgemäß kann mit der Evaluierung der Datenbanknutzung und der Bewertung des Einflusses auf den Forschungsprozeß erst begonnen werden, wenn genügend statistisches Material vorliegt. Daher wird ständig, von Beginn des Schulungsgeschehens am 1. 10. 1994 an, das Fortschreiben der Nutzungszeiten (getrennt nach den einzelnen Datenbanken des Projekts, CA, REGISTRY und CASREACT) notwendig sein. Die Arbeiten zur statistischen Auswertung und zur Bewertung werden 1996 und 1997 erfolgen. Das Projektmanagement wird im Laufe des Projekts nach weiteren modernen EDV-gestützten Werkzeugen suchen (Software), diese bewerten und ggf mit dem Ziel nach neuen Ergebnissen im Forschungsprozeß (Art der Verknüpfung) empfehlen. Eine weitere Aufgabe wird es sein, inhaltliche Lücken in den Datenbanken aufzuspüren und den Datenbankproduzenten bestimmte Wünsche der Kunden zu übermitteln.

7.4. Industriekontakte und Ergebnistransfer

Mit dem Begriff Diplomchemiker bzw. promovierter Chemiker sollte in Zukunft die für das gesamte Berufsfeld wichtige Information verbunden sein, daß der Absolvent Informationen aus elektronischen Datenbanken recherchieren kann, wozu heute nur wenige Prozent der Firmen mit ihrem Personal in der Lage sind (arbeitsmarktpolitische Komponente). In den letzten Monaten hat sich der Trend verstärkt, zentrale Informationseinrichtungen in der Industrie zu schließen, d. h., man schafft die zentralen Informations-Dokumentations-Abteilungen ab. Das ist vor allem darauf zurückzuführen, daß kleinere Wirtschaftseinheiten (Bereiche) eine große zentrale Abteilung nur sehr schwer finanzieren können. Da man aber auf die Information nicht verzichten kann heißt das, daß sich jeder Chemiker diese Informationen selbst beschaffen können muß. Daraus ergeben sich für das Projektmanagement eine Reihe wichtiger Aufgaben, vor allem aber die Realisierung eines ständigen Kontaktes zur Chemischen Industrie für die Dauer des Projekts "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken".

Das Projektmanagement organisiert in Zusammenarbeit mit den Abteilungen Ausbildung und Öffentlichkeitsarbeit sowie Tagungen und Fortbildung ein zukünftiges Fortbildungsprogramm für Mitarbeiter in der Industrie (Fortbildungseffekte).

Das Projektmanagement trägt dafür Sorge, daß das mittlere und gehobene Management der chemischen Industrie über die Ziele und den Stand im Projekt "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken" informiert ist.

Das Projektmanagement wird im Laufe des Projekts auch Randgruppen der Chemie, die sich mit Material- und Stoffwandlungsproblemen beschäftigen, einbeziehen. Dem wird immer das Ziel zugrunde liegen, unter den gegebenen Voraussetzungen eine verstärkte Nutzung der deutschen Datenbanken zu bewirken.

Kleine und mittelständische Unternehmen sind gegenwärtig nicht in der Lage, die benötigten Informationen in der erforderlichen Qualität und Quantität zu beschaffen (Kosten, organisatorische Engpässe, etc.). Daher ist die GDCh bestrebt, durch ein systematisches Herangehen besonders die Klein- und mittelständischen Unternehmen anzusprechen. Dies wird eine Aufgabe des Projektmanagements im Projekt in Zusammenarbeit mit dem GDCh-Projekt "Forschungsführer" sein (Technologietransfer). Eine Diskussion über etwaige Berührungspunkte mit dem BMFT-Projekt MIKUM des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln hat es im September 1994 gegeben.

Die GDCh hat am Projekt "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken" großes Eigeninteresse. Die Chemie war als Wissenschaft und teilweise auch als Wirtschaftszweig in den letzten Jahren, anteilig gesehen, ziemlich mit sich selbst zufrieden. Die GDCh möchte als Ansprechpartner für alle Probleme in der Industrie bei Stoffwandlungen einen Transfer von Gedankengut aus der Industrie in die Grundlagenforschung katalysieren.

8. Schlußbemerkungen

Das vorliegende Konzept dient dazu, die Absolventen der Fachrichtung Chemie der deutschen Hochschulen zu befähigen, in den verschiedensten Datenbanken im Sinne einer "Fahrerlaubnis" zu recherchieren. D. h., in dieser relativ kurzen Kursdauer werden keine Profis ausgebildet. Nur durch ständiges Üben wird der angehende Rechercheur sein Fahrzeug beherrschen lernen, sprich die Datenbanken optimal nutzen können.

Die Studenten werden an den Umgang mit modernen Werkzeugen herangeführt (Vermeidung des modernen Analphabetismus). Nachdem durch die öffentliche Hand mit erheblichen Mitteln dafür die besten Voraussetzungen geschaffen worden sind, besteht an den Hochschulen die Verpflichtung zur überdurchschnittlichen Nutzung der elektronischen Fachinformation und damit der objektive Zwang zur Ausbildung in der Handhabung derartiger Medien.

Die Zielrichtung des Vorhabens ist geeignet, die elektronische Fachinformation in die Lehre einzubinden. Die Einbindung von Lehrveranstaltungen zur Nutzung elektronischer Fachinformation in das Curriculum ist im Zeitrahmen des Projekts möglicherweise schwer realisierbar. Es ist auch die Frage, ob eigene Lehrveranstaltungen ausgewiesen werden müssen oder ob nicht bei bestimmten Lehrveranstaltungen (z. B. Seminare zu Fortgeschrittenenpraktika) eine Hinzufügung in diesem Sinne angebracht ist. Auf Grund der Rechtslage (befristete Verlängerung der Rahmenprüfungsordnung) werden voraussichtlich an vielen Fachbereichen Neufassungen der Prüfungs- und Studienordnungen erforderlich. Die Unterweisung in den Hilfsmitteln moderner Fachinformation sollte hier bzw. in den erläuternden ausführlichen Studienplänen aufgenommen werden.


Dr. habil. Rainer Schütz, Projektmanager
Dr. Dirk Anwand, wiss. Mitarbeiter
HTML-Formatierung: Burkhard Kirste, 1994/11/14, 1994/11/25.