Der direkte Zugang zu Literatur- und Faktendatenbanken ist heute ebenso Voraussetzung für eine effiziente Forschung wie beispielsweise Bibliothek oder Rechenzentrum. Zwar wird die elektronische Fachinformation an den Hochschulen bereits genutzt, aber in Qualität und Quantität der Nutzung bestehen von Fachbereich zu Fachbereich beträchtliche Unterschiede. In der Mehrzahl der Fälle ist die Online-Recherche noch immer kein selbstverständliches Werkzeug des Chemikers geworden. Das liegt in besonderem Maße an der ungenügenden Adaption an die Suchstrategie in Online-Datenbanken. Während der Wissenschaftler seine Suchstrategie bei der Suche in gedruckten Werken oftmals unbewußt den gefundenen Informationen anpaßt, sie einengt, erweitert oder gar die Suchbegriffe ändert, muß ein derartiges nichtcomputergerechtes Verhalten bei der Online-Auftragsrecherche zur Unzufriedenheit hinsichtlich des Suchergebnisses und zu unnötig hohen Kosten führen. Bei der Online-Recherche gelangt der Suchende von seinem Ausgangsbegriff, seiner Suchfrage, wie durch einen Tunnel zur Zielinformation. Es ist daher zweckmäßig, zunächst unabhängig vom Rechner die Komponenten der Suchstrategie zu erarbeiten und sinnvoll logisch miteinander zu verknüpfen. Weil dies bei der Suche in gedruckten Werken nicht bewußt und systematisch gelernt wird, fällt es dem Wissenschaftler schwer, Suchstrategien für elektronisch gespeicherte Informationen zu entwickeln. Um hier eine Änderung herbeizuführen, sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen:
Die Nutzung elektronischer Datenbanken durch den Wissenschaftler selbst, das Endnutzerkonzept, ist in vielen Fällen effektiver als die Inanspruchnahme einer Informationsvermittlungsstelle. Diese Meinung wird aufgrund der hochgradig spezifischen Informationsprobleme und der Komplexität des Retrievals in der Chemieinformation auch von den Informationsvermittlern vertreten. Als Endnutzer betrachten wir hier den Personenkreis der Doktoranden, Diplomanden und des festangestellten wissenschaftlichen Personals. Dieser Endnutzer kennt und stellt sein Informationsproblem selbst, recherchiert die benötigten Informationen in Datenbanken, bewertet diese Information und verarbeitet sie weiter.
Mit dem Projekt "Endnutzerförderung Chemiedatenbanken" wird das Ziel verfolgt:
- die Online-Nutzung externer Datenbanken im Bereich der Chemie für Endnutzer zu etablieren, zu stabilisieren und zum selbstverständlichen Bestandteil des methodisch-wissenschaftlichen Instrumentariums zu machen. Die Absolventen des Diplomstudienganges Chemie sollen in möglichst großer Breite in die Grundlagen und die weitergehenden Nutzungsmöglichkeiten von elektronischer Fachinformation eingeführt werden.
- Das wissenschaftliche Personal, insbesondere Diplomanden und Doktoranden, soll ohne Zwischenschaltung von anderen Informationsvermittlern in der Lage sein, Informationen aus elektronischen Datenbanken zu recherchieren, zu bewerten und sie mit den Ergebnissen ihrer eigenen wissenschaftlichen Arbeit zu korrelieren und damit die Aktualität und Effizienz ihrer Forschungsarbeit zu erhöhen.
- Die Nutzung elektronischer Fachinformation soll über die Heranbildung eines Stamms kompetenter Fachinformationsvermittler am Fachbereich selbst nach Projektende etabliert sein und im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten im Curriculum als Teil der Standardausbildung im Hauptstudium gelten.
- Durch die systematisch breite Nutzung soll die Kenntnis der unterschiedlichen Inhalte und damit die problemspezifische richtige Auswahl der geeigneten Datenbank die Akzeptanz der in Deutschland entwickelten Datenbanken stärken.
- Die in der Recherche in elektronischen Datenbanken ausgebildeten Absolventen sollen den Bedarf der Industrie an entsprechenden Mitarbeitern decken und auch die Fähigkeit der kleinen und mittleren Unternehmen zur Datenbanknutzung und damit zur eigenen Forschungs- und Entwicklungsbetätigung erheblich verbessern.
Schulungsmaßnahmen für Endnutzer haben qualitativ völlig andere Dimensionen als die bisher traditionell durchgeführten Schulungen.
Die GDCh stellt dem Projektnehmer eine Schulungskonzeption zur Verfügung, die die Ausbildung der Doktoranden und die Ausbildung von Teilen des wissenschaftlichen Personals, das als Multiplikator in den Folgejahren wirkt, organisiert. Von dem als Schulungspersonal ausgebildeten festangestellten wissenschaftlichen Personal des Fachbereichs Chemie werden nach Projektende die Studenten im Hauptstudiengang bzw. im letzten Drittel ihres Studiums zu Endnutzern ausgebildet. Das Konzept sieht vor, mit der Ausbildung der Doktoranden im zweiten Doktorandenjahr zu beginnen. Die Zielrichtung des Vorhabens ist geeignet, die elektronische Fachinformation in die Lehre einzubinden.
Vom FIZ Karlsruhe wird chemiespezifisches flexibel einsetzbares Lehr- und Schulungsmaterial angeboten, das im Rahmen des Projekts genutzt werden soll (Lerndatenbanken auf CD-ROM, mit denen die Endnutzer in Verbindung mit dem STN Personal File System das Online-Datenbankretrieval allgemein und filespezifisch trainieren können, Videofilme zu den Themen Datenbanken, Online-Retrieval, Software).
Bei Einrichtungen, die nicht über die nötige Infrastruktur zur Schulung verfügen (CIP-Pool o.ä.), bemüht sich das Projektmanagement der GDCh um eine Ausweichlösung.
Die Beeinflussung der Forschung durch die Nutzung elektronischer Fachinformation und umgekehrt die Rückwirkung auf diese Information soll durch eine wissenschaftliche Begleitung des Projekts durch das Projektmanagement ermittelt werden. Dabei müssen zum Teil neuartige Fragestellungen zur quantitativen und qualitativen Erfassung von Forschungsleistung, Forschungsart und Informationsfluß behandelt werden.
Innerhalb von Lehrveranstaltungen erfolgt eine Ausbildung in der Benutzung der Datenbanken REACCS und CSD. In der Nutzung öffentlicher Online-Datenbanken konnte die Mehrzahl der Absolventen bislang aus Kostengründen keine direkten Erfahrungen sammeln. Wir sehen daher in dem jetzt angebotenen Projekt eine willkommene Chance, die Nutzung elektronischer Fachinformation in breitem Umfang auch an unserem Fachbereich zu etablieren. Von den im Projekt angebotenen Datenbanken, die CAS Online leider nicht einschließen, erscheinen insbesondere SpecInfo, Cheminform-RX, Beilstein und Gmelin für die wissenschaftliche Arbeit mehrerer Arbeitsgruppen von Interesse.
Die Ausbildung kann in unserem CIP-Saal an geeignet ausgestatteten und vernetzten PCs erfolgen. Wir möchten allerdings anmerken, daß in unserem Fachbereich der Schwerpunkt der EDV auf Unix-Workstations (mit Ethernet-Vernetzung) liegt, so daß eine Einbeziehung dieser Plattform erstrebenswert wäre. Abschließend möchten wir darauf hinweisen, daß unser Fachbereich eine aktive Rolle in der Nutzung und Bereitstellung elektronischer Information im Rahmen des Internet-Dienstes WWW/Mosaic spielt. Dieses System kann u.a. für ``Electronic Publishing'' sowie für Datenbank-Anfragen herangezogen werden.
Ursächlich für diese Entwicklung ist, daß der Endnutzer nicht mehr unter dem Druck der Anschaltzeitkosten und deren schwieriger Kalkulierbarkeit steht. Dabei werden mehr Nutzer als bisher auf die Datenbanken zugreifen, vorrangig auch solche, für die die Kosten bisher die Hemmschwelle darstellten.
Ein Erfolg ist gleichfalls zu erwarten hinsichtlich der Fortführung der Schulungen zur Nutzung elektronischer Fachinformation nach Ende des Projekts.
Mehrere Jahrgänge von Absolventen, die in der Nutzung elektronischer Fachinformation geübt sind, sollten in ihrem späteren beruflichen Umfeld einen Nutzungsdruck erzeugen können, der - genügende Größe vorausgesetzt - die Nutzung von Datenbanken im Abonnementsystem, nicht nach Nutzungszeiten, ermöglicht. An den Hochschulen sollten neue wissenschaftliche Daten, mit zeitlicher Verzögerung auch in der Industrie, nach Konsistenzprüfung und Kontrolle auch in Datenbanken direkt einfließen können.
Ein elektronisches Teilpublishing, dessen Sinn kaum bestritten wird, setzt die Akzeptanz des Zielmediums voraus; also kann auch hier ein mittelfristiger Erfolg liegen.
Endnutzerförderung Chemiedatenbanken: Arbeitsplan
GDCh-BMFT-Projekt Endnutzerförderung Chemiedatenbanken