Berlin - ein Blick zurück

Berlin ist für europäische Verhältnisse recht jung, seine Ursprünge liegen am Ende des 12. Jahrhunderts.

Die Stadt entwickelte sich aus zwei Kaufmannssiedlungen, Berlin und Cölln, zu beiden Seiten der Spree im heutigen Bezirk Mitte. Die ersten urkundlichen Erwähnungen dieser Siedlungen sind aus den Jahren 1237 (Cölln) und 1244 (Berlin) bekannt.

Die beiden Städte, günstig am Schnittpunkt mittelalterlicher Handelsstraßen gelegen, nahmen einen schnellen wirtschaftlichen Aufschwung und vereinigten sich 1307 zu einer Union. Vierhundert Jahre lang entwickelten sie sich in enger Abstimmung parallel, bevor es 1709 zur Gründung einer Einheitsgemeinde Berlin kam, dann unter Einschluß der Ende des 17. Jahrhunderts entstandenen Vorstädte Friedrichswerder, Dorotheenstadt und Friedrichstadt.

Die Hohenzollern, seit Anfang des 15. Jahrhunderts das Herrschergeschlecht in der Mark Brandenburg, bauten Berlin Mitte des 15. Jahrhunderts zu ihrer Residenzstadt aus. Der Handelsplatz Berlin, Anfang des 14. Jahrhunderts der Hanse beigetreten, wurde so auch zur Hauptstadt.

Ein tiefer Einschnitt für die Entwicklung Berlins war der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), durch den sich die Bevölkerung auf etwa die Hälfte verminderte. Die in Frankreich verfolgten Protestanten, die Hugenotten, waren daher in Brandenburg sehr willkommen. Ca. 6.000 von ihnen fanden ab 1685 den Weg nach Berlin und prägten in den folgenden Jahrzehnten die Stadt nicht unerheblich.

Unter der Regentschaft Friedrichs II. (1740-1786) wurde Preußen zu einer europäischen Großmacht. Mit dem Einfluß des Landes wuchs auch die Bedeutung der Hauptstadt Berlin. Der vielseitige und widersprüchliche König selbst, Philosoph und Feldherr in einem, aber auch Intellektuelle wie Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Nicolai machten Berlin zu einem Zentrum der Aufklärung in Deutschland. Die in dieser Zeit entstandenen Repräsentationsbauten bestimmen noch heute das Stadtbild in der Berliner Mitte ( Zeughaus, Forum Fridericianum mit der Staatsoper Unter den Linden, der Alten Bibliothek, der heutigen Humboldt-Universität und der St.-Hedwigs-Kathedrale).

1806, nach der Niederlage Preußens gegen Frankreich, wurde die preußische Hauptstadt von Napoleon besetzt. Berlin wurde Mittelpunkt einer patriotischen Bewegung gegen die Fremdherrschaft und damit auch von Bestrebungen nach einer gesellschaftlichen Erneuerung Preußens. Heute noch bekannt sind die "Reden an die deutsche Nation" des Philosophen Johann Gottlieb Fichte, der erster gewählter Rektor der 1810 gegründeten Berliner Universität wurde.

Im März 1848 kam es in Berlin wie in weiten Teilen Deutschlands zu einer Revolte des Bürgertums, das entsprechend seiner gewachsenen gesellschaftlichen Bedeutung mehr demokratische Mitbestimmungsrechte einforderte. Den Sieg auf den Barrikaden konnten die Revolutionäre allerdings politisch nicht ummünzen. Am Ende des Jahres hatte der preußische König gegen die demokratische Bewegung wieder die Oberhand gewonnen. Die deutsche Einheit, für die die Demokraten gekämpft hatten ("Einigkeit und Recht und Freiheit") wurde erst 1871, und dann "von oben" geschaffen.

Mit der Gründung des Deutschen Reiches in Versailles wurden der preußische König Wilhelm I. Kaiser von Deutschland, der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck Reichskanzler und Berlin die Hauptstadt Deutschlands. Dieser Bedeutungsgewinn sowie die Industrialisierung führten zu einem starken Wachstum der Stadt. 1882 wurde die AEG, bald größter deutscher Elektrokonzern, gegründet, Siemens wandelte sich von der 1847 gegründeten Telegraphenanstalt zu einer Weltfirma. 1902 wurde (auf der Strecke Warschauer Brücke - Knie, heute Ernst-Reuter-Platz) die von Siemens gebaute erste U-Bahn eröffnet. 1903 transportierte diese Bahn schon 30 Millionen Fahrgäste im Jahr.

1911 wurde in Berlin die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft als Dachorganisation einer Reihe von Forschungsinstituten gegründet. Die Kooperation von Wirtschaft, Wissenschaft und Staat sollte hier organisiert werden, ein "deutsches Oxford" entstehen.

Auch im kulturellen Bereich strahlte die Reichshauptstadt Dynamik aus. Der Schwede August Strindberg wurde Mittelpunkt eines Literaten- und Künstlerkreises, dem auch Edvard Munch angehörte. Dieser erregte mit einer Ausstellung seiner Bilder einen öffentlichen Skandal, der wiederum Anlaß der 1898 erfolgten Gründung der Künstlervereinigung "Berliner Secession" war. Die kritischen Stücke Gerhard Hauptmanns führten zu heftigen Diskussionen. Die Arbeiten von Käthe Kollwitz und Heinrich Zille lenkten die Aufmerksamkeit auf das soziale Elend der unteren Schichten. Expressionisten wie Karl Schmidt-Rottluff, Wassili Kandinsky und Emil Nolde und die neue Kunstrichtung des Kubismus machten Berlin zu einem Zentrum der Avantgarde der Malerei in Mitteleuropa. In der Architektur wurde ein neuer sachlicher Stil bestimmend, so zum Beispiel bei den AEG-Werkshallen von Peter Behrens.

Im Jahre 1920 entstand Berlin in seiner heutigen Ausdehnung durch eine "Gebietsreform", die 8 Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke zu "Groß-Berlin" zusammenschloß. Berlin war damit die größte Industriestadt des Kontinents, die Zeitungsstadt Deutschlands (149 Tageszeitungen erschienen hier) sowie ein geistiges und kulturelles Zentrum von Weltgeltung. Berühmte Architekten wie Walter Gropius, Hans Scharoun, Bruno Taut, Emil Fahrenkamp, Hans Poelzig und Martin Wagner bauten in der Stadt. 1923 erlebte der Rundfunk in Berlin seine deutsche, 1931 das Fernsehen seine Weltpremiere. Wissenschaftler wie Carl Bosch, Albert Einstein und Werner Heisenberg holten Nobelpreise nach Berlin. Maler wie Max Liebermann, George Grosz, Max Beckmann und Lovis Corinth, Schriftsteller wie Bertolt Brecht, Arnold Zweig, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky prägten von Berlin aus eine ganze künstlerische Epoche mit.

Kabarett und Variete erlebten eine Blütezeit. Von 1929-1933 wohnte Christopher Isherwood in Berlin, der seine Erlebnisse unter anderem in dem Roman "Goodbye to Berlin", der literarischen Vorlage des Musicals "Cabaret", festhielt. Die "Goldenen Zwanziger" sind heute noch eine Legende. Sie können allerdings die politischen Auseinandersetzungen und politisch motivierten Morde, die Straßenschlachten zwischen Rechts und Links, die Inflation, die Wirtschaftskrisen und die sozialen Spannungen, die die Stadt auszuhalten hatte, nicht vergessen machen.

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler von Reichspräsident von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten begann. Das Leben in der Stadt wurde dadurch nachhaltig verändert. Schon unmittelbar nach der Regierungsübernahme setzte, wie überall in Deutschland, der Terror gegen politisch Andersdenkende ein. Nach vorbereiteten "schwarzen Listen" wurden Hunderte verhaftet, vor allem viele Funktionäre der KPD, der SPD und der Gewerkschaften sowie Intellektuelle.

Die Erniedrigung und Verfolgung der 170.000 Berliner Juden begann ebenfalls sofort nach der Regierungsübernahme und wurde im Laufe der folgenden Jahre immer schlimmer. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 steckten die Nationalsozialisten auch in Berlin die Synagogen in Brand und demolierten Geschäfte, die Juden gehörten. Im Oktober 1941 begannen in Berlin die Deportationen in die Vernichtungslager, in denen über 60.000 Berliner Juden ermordet wurden.

Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg und mit ihm die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten zu Ende. In Berlin-Karlshorst kapitulierte die Deutsche Wehrmacht. In der Stadt selbst hatten die Kämpfe bereits am Nachmittag des 2. Mai geendet. Der von Deutschland unter der Diktatur der Nationalsozialisten entfesselte Krieg hatte auch Berlin schwer getroffen. Über 600.000 Wohnungen waren völlig zerstört. Nur 2,8 Millionen Menschen lebten noch in der Ruinenstadt.

Deutschland wurde von den Siegermächten USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich besetzt. Die Einteilung in Besatzungszonen war schon 1944 von den Alliierten vereinbart worden. Berlin erhielt einen besonderen Status: Die Stadt sollte als gemeinsame Besatzungszone ("besonderes Berliner Gebiet") von allen vier Siegermächten gemeinsam und einheitlich verwaltet werden. Zu diesem Zweck wurde Berlin in vier Sektoren unterteilt, denen jeweils ein Stadtkommandant vorstand. Diese vier Kommandanten bildeten zusammen die "Alliierte Militär-Kommandantur", die dem - ebenfalls in Berlin arbeitenden - Alliierten Kontrollrat für Deutschland unterstellt war.

Die Zusammenarbeit der vier Siegermächte war jedoch durch den Kalten Krieg geprägt. Über immer weniger Fragen konnte man sich einigen. In dem Maße, in dem die Zonen in Deutschland sich auseinanderentwickelten, geriet auch die Einheit Berlins unter Druck.

1948 versuchte die Sowjetunion durch eine Blockade der Land- und Wasserwege zwischen West-Berlin und den westlichen Besatzungszonen, die Westalliierten zum Abzug aus der Stadt zu zwingen und ganz Berlin ihrer Besatzungszone einzugliedern. Die Westmächte beugten sich diesem Druck jedoch nicht, sondern versorgten fast ein Jahr lang den Westteil der Stadt mit seinen mittlerweile wieder 2,2 Millionen Einwohnern über eine Luftbrücke.

Für West-Berlin, nunmehr eine Insel, waren diese elf Monate eine schwere Zeit. In einem dramatischen Appell forderte Ernst Reuter die "Völker der Welt" zur Solidarität auf. Gleichzeitig versicherte er, daß die Berliner dem Druck standhalten würden. Tatsächlich erfuhr West-Berlin sehr viel internationale Unterstützung. Das Verhältnis zwischen den West-Berlinern und den westlichen Siegermächten veränderte sich durch die Luftbrücke völlig, die USA, Großbritannien und Frankreich wurden nun als "Schutzmächte" angesehen und geschätzt.

Während der Blockade wurde Berlin politisch und ökonomisch vollständig geteilt. Seit den Währungsreformen in den Westzonen und in der sowjetischen Zone im Juni 1948 gab es schon unterschiedliches Geld in West- und Ost-Berlin. Im November 1948 wurde die Stadt durch die Einsetzung einer eigenen Ost-Berliner Stadtverwaltung im Widerspruch zur damals geltenden Verfassung auch administrativ gespalten. Ebenfalls 1948 entstand die Freie Universität Berlin als Gegengründung zur kommunistisch dominierten Humboldt-Universität.

1949 wurden die beiden deutschen Staaten, die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik, gegründet. Besatzungsrechtlich durfte weder West-Berlin zur Bundesrepublik Deutschland noch Ost-Berlin zur DDR gehören. Tatsächlich aber wurde Ost-Berlin immer weiter in den sozialistischen deutschen Staat eingegliedert und übernahm seine Hauptstadtfunktionen, während in West-Berlin gemäß dem an sich für die ganze Stadt geltenden Sonderstatus verfahren wurde, der den (West-)Alliierten ein letztes Entscheidungsrecht vorbehielt. Faktisch erhielt West-Berlin jedoch weitestgehend die Eigenschaften eines Bundeslandes der Bundesrepublik Deutschland.

Der mit dem Streik der Ost-Berliner Bauarbeiter beginnende Versuch, das Regime der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), die in der DDR diktatorisch herrschte, zu stürzen und damit die deutsche Teilung zu überwinden, scheiterte trotz anfänglicher Erfolge in Ost-Berlin und ca. 250 Städten der DDR im Juni 1953 durch das Eingreifen der sowjetischen Truppen. In den folgenden Jahren suchten die Bürger der DDR daher verstärkt eine individuelle Befreiung vom politischen und wirtschaftlichen Druck: Sie flüchteten in den Westen, sehr viele von ihnen über West-Berlin, das immer noch einigermaßen frei zugänglich war.

Um dieses "Schlupfloch" zu verstopfen, ließ die Führung der DDR im August 1961 mit Billigung der Sowjetunion die Grenzen um West-Berlin durch den Bau der Berliner Mauer schließen. Die Ost-Berliner waren damit - genau wie die übrigen DDR-Bürger - in ihrem Staat eingesperrt, während die West-Berliner, die schon seit 1952 nicht mehr ohne weiteres in die DDR fahren konnten, nun auch aus Ost-Berlin ausgesperrt wurden.

Obwohl die DDR-Führung die Grenzanlagen immer weiter ausbaute, versuchten bis zum Fall der Mauer viele, dieses Hindernis zu überwinden. Ungefähr 100 Menschen sind im Zusammenhang mit Fluchtversuchen an der Berliner Mauer ums Leben gekommen, der letzte von ihnen wurde wenige Monate vor der Öffnung der Grenzen erschossen.

Seit dem Mauerbau blieb den Ost-Berlinern kaum noch eine andere Wahl, als sich in ihrem Teil Deutschlands einzurichten und das bestehende politische und ökonomische System hinzunehmen. In West-Berlin fühlte man sich durch den Mauerbau bedroht. Nicht nur, daß die ganz West-Berlin umschließende unmenschliche Grenze die Freizügigkeit einschränkte. Es wurde auch befürchtet, daß Sowjetunion und DDR eines Tages versuchen könnten, West-Berlin zu vereinnahmen. (Die Öffnung der Archive des DDR-Sicherheitsdienstes nach der deutschen Vereinigung zeigte, daß es solche Planspiele tatsächlich gegeben hatte.)

Der Besuch Präsident Kennedys im Juni 1963 - bei dem er den berühmten Satz "Ich bin ein Berliner" sprach - half den West-Berlinern, trotz östlicher Drohgebärden, Vertrauen in die Zukunft ihrer Stadt zu setzen. Beide Teile der Stadt hatten gegenüber der anderen Seite auch eine Schaufensterfunktion. Die Ost-Berliner profitierten davon, indem sie besser mit Waren und Dienstleistungen versorgt wurden als die Bürger der DDR, die eine entsprechende Abneigung gegen die "Hauptstadt" entwickelten. Die West-Berliner konnten auf die politische und finanzielle Solidarität der Bundesrepublik bauen, die sich auch in hohen Subventionen ausdrückte.

Die materielle Unterstützung beider Teile Berlins durch "ihren" deutschen Staat konnte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Teilung der Stadt unnatürlich und im täglichen Leben oft schmerzhaft war. Familien waren auseinandergerissen, Freundschaften zerstört, West-Berlin war von seinem Umland getrennt.

Sehr frühzeitig begannen die Gespräche zwischen West und Ost über eine Erleichterung der Situation. Schon 1963, ein Jahrzehnt vor der Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik, führten die Verhandlungen zu einem ersten Ergebnis: durch eine sogenannte Passierscheinregelung konnten West-Berliner über Weihnachten und Neujahr 1963/64 ihre Verwandten im Ostteil besuchen - das erste Wiedersehen nach über zwei Jahren. Drei weitere solcher Regelungen wurden ausgehandelt, bevor dann 1972 als Folge des Vier-Mächte-Abkommens über Berlin eine dauerhafte Besuchsvereinbarung in Kraft trat. Während danach die West-Berliner trotz des Durchlaufens eines bürokratischen Verfahrens recht leicht in den Osten reisen konnten, behielt das Westreiseverbot für die Ost-Berliner (mit Ausnahme von Rentnern und in sogenannten dringenden Familienangelegenheiten) seine Gültigkeit bis zum Fall der Mauer am 9. November 1989.

Beide Teile der Stadt veränderten sich in den Jahren der Teilung wesentlich. Die letzten Spuren des Krieges verschwanden langsam aus dem Stadtbild. In West-Berlin gelang es, durch die Ansiedlung von Bundesbehörden und den Ausbau zur bedeutenden Messe- und Kongreßstadt den Verlust von Industriearbeitsplätzen teilweise zu kompensieren sowie durch eine spezielle Berlin-Förderung Arbeitsplätze im Verarbeitenden Gewerbe in der Stadt zu halten. Ost-Berlin wurde zur führenden Industriestadt Ostdeutschlands und vereinigte ein Fünftel des gesamten wissenschaftlichen Potentials der DDR auf sich. Außerdem nahm es die Funktion der Hauptstadt der DDR wahr.

Während im Wohnungsbau in Ost-Berlin die Quantität im Vordergrund stand und in Fertigbauweise Wohnungen für 700.000 Menschen errichtet wurden, profilierte sich West-Berlin mit Modellen zur Innenstadtsanierung und anspruchsvollen Neubauten. Die Internationale Bauausstellung IBA 1987 legte davon Zeugnis ab.

Beide Teile der Stadt waren geistige, politische und kulturelle "Unruheherde" in Deutschland. Von West-Berlin ging die westdeutsche Studentenrevolte der 60er Jahre, die Hausbesetzerbewegung der 70er Jahre und die Alternativbewegung der 80er Jahre aus. In Ost-Berlin hatte sich frühzeitig die Opposition gegen das Regime der DDR kristallisiert und durch Friedensgruppen, Öko-Arbeitskreise und zahlreiche Aktionen Öffentlichkeit erzeugt. Die größte demokratische Demonstration in der Geschichte der DDR fand am 4. November 1989 auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz statt. Über eine halbe Million Menschen kam hier zusammen.

Die Bewohner der beiden Teile Berlins nahmen sehr aufmerksam zur Kenntnis, was sich "drüben", also im jeweils anderen Teil, tat. Nach wie vor bestehende verwandtschaftliche und freundschaftliche Bindungen, oft auch inoffizielle kollegiale Kontakte, hielten das Interesse aufrecht.

Am 9. November 1989 wurde die Mauer geöffnet. Damit hatte die DDR-Führung dem Druck aus der eigenen Bevölkerung, der sich in den Monaten vorher immer weiter verstärkt hatte, schließlich nachgeben müssen. Seit viele im Sommer und Herbst 1989 die DDR über Ungarn und die Tschechoslowakei verlassen hatten und immer mehr Menschen im Lande bei Demonstrationen und in Diskussionen Reisefreiheit gefordert hatten, war klar, daß sich in absehbarer Zukunft für die DDR-Bürger mehr Reise- und Besuchsmöglichkeiten bieten würden.

Auf einen plötzlichen Fall der Mauer war man aber auch in Berlin nicht vorbereitet. Um so größer war die Freude am Abend des 9. November. Zehntausende von Ost-Berlinern besuchten noch in dieser Nacht West-Berlin, viele West-Berliner kamen zur Mauer, um die Menschen aus dem Ostteil der Stadt zu begrüßen und oftmals einzuladen. Das Ereignis beherrschte die Schlagzeilen der Weltpresse und von allen Kontinenten trafen Glückwünsche in Berlin ein.

Die Kooperation der beiden Stadtregierungen begann fast bei Null. Sie konzentrierte sich anfangs darauf, nach der Öffnung der Mauer die technischen Voraussetzungen zu schaffen, daß die Menschen sich begegnen konnten. So wurden zum Beispiel neue Grenzübergänge eingerichtet und stillgelegte U-Bahnhöfe in Ost-Berlin wieder für den Verkehr freigegeben. Am 12. November wurde ein Übergang auf dem Potsdamer Platz geschaffen, zwei Tage vor Weihnachten wurde das Brandenburger Tor geöffnet.

Die Zusammenarbeit zwischen West- und Ost-Berlin intensivierte sich wesentlich, als im Mai 1990 zum ersten Mal seit der Teilung der Stadt in Ost-Berlin eine Stadtverordnetenversammlung frei und geheim gewählt worden war und der von ihr berufene Magistrat eine demokratische Legitimation besaß. Seitdem tagten Magistrat und Senat dann meistens gemeinsam, "Magi-Senat" wurde dieses Gremium genannt.

Am 2. Dezember 1990 wählten die Berliner zum ersten Mal direkt ihre Bundestagsabgeordneten. (Vorher war West-Berlin nur durch indirekt gewählte Abgeordnete mit eingeschränktem Stimmrecht im Bundestag vertreten.) Am gleichen Tag fand die erste Gesamt-Berliner Wahl zum Abgeordnetenhaus statt, das im Januar 1991 den ersten Senat für das ganze Berlin wählte.

Am 20. Juni 1991 wurde ein entscheidender Grundstein für die künftige Entwicklung Berlins gelegt: Der Deutsche Bundestag beschloß die Verlegung seines Sitzes nach Berlin und sprach die Erwartung aus, daß der "Kernbereich der Regierungsfunktionen" ebenfalls hier angesiedelt werde. Binnen vier Jahren, so der Beschluß weiter, solle das Parlament in Berlin arbeitsfähig sein, innerhalb von zehn bis zwölf Jahren solle die volle Funktionsfähigkeit Berlins als Parlaments- und Regierungssitz erreicht sein.

Am 1.Oktober 1991 wurden der Amtssitz der Regierenden Bürgermeisters und die Senatssitzungen aus dem Schöneberger Rathaus, das über 40 Jahre eine provisorische Heimstatt gewesen war, in das traditionsreiche Berliner Rathaus verlegt, während die Sanierung des roten Backsteinbaus (daher auch "Rotes Rathaus") noch in vollem Gange war. Im April 1993 folgte der Umzug des Abgeordnetenhauses in das wiederhergestellte Gebäude des ehemaligen Preußischen Landtags, ebenfalls im (ehemals Ost-Berliner) Bezirk Mitte.


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(C) 1993 Presse- und Informationsamt Berlin

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